Grüne Wege: In drei Stunden um die Welt!

mit Verena Osgyan, MdL, und dem Grünen Ortsverband Gostenhof
Sonntag, 27. Juni 2021

Im Rahmen der Veranstaltung „Grüne Wege zu Kunst, Kultur und Kneipen 2021“ der Grünen Mittelfranken luden die Landtagsabgeordnete Verena Osgyan und der Grüne Ortsverband Gostenhof am Sonntag, 27. Juni 2021, zu einer Tour durch den multikulturellen Nürnberger Stadtteil ein, der sich vom „Glasscherbenviertel“ zum Künstler*innen-Biotop entwickelt hat. In Gostenhof trifft der Begriff „Multikulti“ voll zu: 48,1 % der Gostenhofer Bevölkerung haben keine deutsche Staatsbürgerschaft. Die Cafés, Restaurants und Läden mit internationalem Flair machen einen Spaziergang „In drei Stunden um die Welt“ möglich.

Gestartet wurde im Café Mainheim in der Bauergasse am Petra-Kelly-Platz. Nach einer Begrüßung durch Verena Osgyan und Gisbert von Eyb, Vorstandmitglied des Grünen Kreisverbands Nürnberg, berichteten Daniela und Paul Müller, die Sprecher*innen des Ortsverbands Gostenhof, über die Verwandlung des Petra-Kelly-Platz, die maßgeblich durch die aktive Beteiligung der Anwohner*innen vorangetrieben wurde.
Der Platz hieß bis 2011 noch Bauernplatz und wurde dann auf Initiative des Grünen Ortsverbands nach der Grünen-Politikerin und Aktivistin Petra Kelly benannt. Sie lebte Anfang der 1980er Jahre drei Jahre bei ihrer Großmutter in Nürnberg, weshalb sie auch 1983 für ihren Wahlkreis in Nürnberg in den Bundestag zog. Im Jahr 2017 wäre Petra Kelly 70 Jahre alt geworden und aus diesem Anlass wurde eine Gedenktafel an dem nach ihr benannten Platz angebracht. Paul Müller und dem Grünen Ortsverband Gostenhof ist es ein großes Anliegen, ihr Leben und Wirken nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Wie Paul Müller berichtet, sind auch ihre in den USA lebenden Angehörigen davon sehr berührt.
Noch vor einigen Jahren verhinderte der Verkehrsfluss aus den angrenzenden Straßen eine reibungslose Überquerung des Petra-Kelly-Platzes.  Vor allem für die Schulkinder des Viertels stellte das ein Problem dar und die Anwohner*innen setzten sich für eine Begrünung und Verkehrsberuhigung ein, die 2019 umgesetzt wurde. Auch die umliegenden Häuser wurden mit Bedacht saniert und bilden nun mit attraktiven Lokalen ein echtes Open-Air-Stadtteilzentrum für die Nachbarschaft.

Ausstellung: Allmende – Tiere und Menschen in der Galerie des BBK Nürnberg Mittelfranken e.V.
Gleich um die Ecke, in der Hirtengasse 6, bietet der Projektraum des Bunds Bildender Künstler*innen Nürnberg Mittelfranken e.V. bietet Bildenden Künstler*innen eine Präsentationsplattform und zeigt fünf bis sechs Ausstellungen pro Jahr.
Vom 18.6. bis 23.7.2021 ist die Künstlerin Monika Ritter mit ihrer Ausstellung „Allmende – Tiere und Menschen“ vertreten. Sie war von dem Begriff „Allmende“, was soviel bedeutet wie Gemeindegut, begeistert. Daraufhin schuf sie Werke rund um die Beziehung zwischen Menschen und Tieren, die Bedeutung des gegenseitigen Respekts und des Gebens und Nehmens im Gleichgewicht. Neben Zeichnungen sind auch wunderbar ausdrucksstarke Skulpturen aus Bronze, Holz und Stein und Ton zu sehen (bis zum 23.7.21).
Monika Ritter spricht die Schwierigkeiten der Künstlerinnen und Künstler an, geeignete Ateliers zu finden. Sie selbst lebt und arbeitet in Kalchreuth, hat aber viele Kolleg*innen, die keine geeigneten und bezahlbaren Räume in der Innenstadt mehr finden. Früher gab es viele Hinterhöfe, in denen gearbeitet werden konnte, aber durch die dichte Bebauung sind diese nahezu alle verschwunden. Die Situation für Nürnbergers Künstlerinnen und Künstler zu verbessern, ist auch das Ziele des Berufsverbands Bildender Künstler, deren Vertreter*innen sich baldmöglichst mit der Grünen Stadtratsfraktion zusammensetzen möchten, um über Strategievorschläge zu sprechen.

Das Volksbad
Als Vorstand des Förderverein Volksbad e.V. gab uns Paul Müller die Gelegenheit, einen Blick in das Volksbad an der Rothenburger Straße zu werfen.  Das Volksbad galt bei seiner Eröffnung im Jahr 1914 als die größte und modernste Badeanstalt in Deutschland und man kann beim Rundgang noch erahnen, wie glanzvoll es gewesen sein muss. Wegen Unrentabilität wurde das Volksbad 1994 geschlossen.
Der Förderverein Volksbad e.V. hat sich hartnäckig dafür eingesetzt, dass das Volksbad saniert wird und der Nürnberger Stadtrat hat dies nun endlich im Oktober 2020 beschlossen. Der Baubeginn ist für den Herbst 2021 angedacht und die Bauzeit soll knappe 4 Jahre dauern, der Freistaats Bayern wird 18 Millionen zu den Gesamtkosten von 55,6 Millionen Euro beisteuern.
In der ehemaligen Männerschwimmhalle wird ein großes Schwimmbecken im Jugendstilambiente mit angrenzendem Baby- und Kleinkinderbereich entstehen. Eine weitere Halle bietet Raum für das Schul- und Vereinsschwimmen Eine Besonderheit ist der Hubboden: die Wassertiefe kann stufenlos variiert werden und bei voll hochgefahrenem Podium können dort auch Veranstaltungen stattfinden. Darüber hinaus ist ein Sauna- und Wellnessbereich mit Physiotherapie sowie Gastronomie geplant.
Bereits jetzt kann man eine Jahreskarte erwerben, um die Sanierung aktiv zu unterstützen. Die Nürnbergerinnen und Nürnberger, aber vor alle die Nachbarschaft in Gostenhof kann sich so schon auf den erstes Sprung ins kühle Nass freuen.

Gostner Hoftheater
Weiter führte der Weg ins Gostner Hoftheater – aber nicht in das „Stammhaus“, sondern in die Lagerhalle am Theaterparkplatz in der Austrasse, das als zusätzliche Spielstätte ausgebaut wurde. Dort empfing und die Geschäftsführerin des Gostner Hoftheaters Isabelle Pyka sowie der Bühnen- und Kostümbildner des Theaterprojekts GUGUSS Christian Vittinghoff. Ab September 2021 wird GUGUSS, eine Koproduktion mit dem INTI Théâtre aus Brüssel, in der Lagerhalle zu sehen sein. Zuvor mussten aber zahlreiche Bühnendekorationen und Requisiten aus der Halle entfernt werden, um diese bespielbar zu machen. Es ist ein spannender, neuer Kultur-Ort geworden., aber dem ging ein langwieriger Genehmigungsprozess voraus. Grundsätzlich wünscht sich Isabelle Pyka  von den städtischen Behörden mehr Flexibilität und mehr Verständnis dafür, dass künstlerische Veranstaltungen oft einen längeren Vorlauf benötigen. Inszenierungen wie GUGUSS müssen rechtzeitig beworben werden, was aber nicht möglich ist, solange noch keine Genehmigungen vorliegen.
Isabelle Pyka berichtet, dass das Gostner Hoftheater bisher relativ gut durch die Coronapandemie gekommen ist, wobei vor allem die Zahlung des Kurzarbeitsgeldes entscheidend war. Auch die November- und Dezemberhilfen haben dazu beigetragen, dass das Theater die Krise gut überstanden hat. Die Geschäftsführerin kritisiert, dass der Staatsregierung oft nicht bewusst ist, wie viele Arbeitsplätze an der Kultur hängen und dass das Theater mit seinen Produktionen Arbeitsstellen für Regisseur*innen, Bühnen- und Kostümbilder*innen, Tontechniker*innen, Assistent*innen und natürlich Schauspieler*innen schafft. Die Kultur als echter Wirtschaftsfaktor ist noch viel zu wenig im Fokus der Politik.
Auch Christian Vittinghoff betont, dass die finanziellen Hilfen für Künstler*innen während der Corona-Pandemie zwar wichtig waren, oft aber von den Künstler*innen nicht angerufen wurden, da es verständlicherweise Hemmungen gibt, um Hilfe zu bitten und eine prekäre finanzielle Situation offen zu legen. Stattdessen plädiert er dafür, Künstler*innen die  Möglichkeit zu geben, ihren Beruf auszuüben. Kulturschaffende wollen keine Almosen, sondern haben ein Anrecht auf eine angemessene Vergütung für ihre Leistungen.
Der Blick hinter die Kulissen hat bei allen Teilnehmer*innen die Neugier auf die neue Spielzeit des Gostner Hoftheaters und insbesondere die Produktion GUGUSS geweckt.

GOgarten
Nur ein paar Meter weiter in der Austrasse liegt der GOgarten der Initiative GoHo e.v., wo uns dessen erster Vorsitzender Willli Wiesner und der Vorsitzende des Bürgervereins Gostenhof e.V., Heinz-Claude Aemmer.
Diese grüne Oase an den Bahngleisen basiert auf dem Prinzip der Einrichtung und Nutzung  interkultureller Gärten und öffentlicher Anlagen. Wichtig ist GoHo e.v. die Einbindung von und Kooperation mit lokalen Aktionen und Akteuren.  Der GOgarten bietet Raum für Erwachsenenbildung sowie interkulturelle Begegnung und Austausch. Lokale Initiativen und Vereine können hier beispielsweise Mitgliederversammlungen und Arbeitstreffen „Open Air“ abhalten oder auch kleinere Sommerfeste durchführen.
Hauptzweck des Vereins GOHO e.v. ist die Förderung der Kunst und Kultur, insbesondere durch die Ausrichtung von Kunst-, Kultur- und Bildungsveranstaltungen. So sind vor allem die Gostenhofer Ateliertage, die in diesem Jahr Anfang Oktober stattfinden werden, eines der wichtigsten und renommiertesten Formate, bei welcher die Künstler*innen des Stadtteils ihre Arbeitsstätten und Werke einem interessierten Publikum zugänglich machen und direkt ins Gespräch mit den Besucher*innen kommen.
Umso bedauerlicher findet es Wilhelm Wiesner, der einen guten Kontakt zum Kulturreferat pflegt, dass bei der Bewerbung Nürnbergs zur Kulturhauptstadt zu wenig berücksichtigt wurde, was in der Stadt in Sachen Kunst und Kultur bereits existiert.  Natürlich ist es wichtig, neue Kulturprojekte zu initiieren, aber darüber sollte die Kulturpolitik die etablierte lokale Kunstszene nicht vergessen. Diese hat viel zu bieten und sie hat die Corona-Pandemie besonders hart getroffen.

Die Grünen Wege 2021 durch Gostenhof haben nochmal einmal deutlich gemacht, wie sich ein Stadtteil durch die aktive Beteiligung der Bewohner*innen verändern kann. Der ständige und offene Dialog zwischen Bürgerschaft und Politik ist dafür allerdings unerlässlich. Nürnberg hat eine lebendige Kultur- und Kreativbranche, die in Gostenhof gute Voraussetzungen vorfindet. Nun gilt es für die kommunale Politik, sich weiter für deren Erhalt und noch bessere Arbeits- und Präsentationsmöglichkeiten für Künstler*innen einzusetzen.