Besuch des Nürnberger Dokumentationszentrums

GRÜNE WOCHE

Die Erinnerungskultur steht in Deutschland an einem Scheideweg: Es gibt immer weniger Zeitzeugen, eine lautstarke Minderheit versucht rechtspopulistische und rechtsextreme Meinungen wieder hoffähig zu machen, auch in den Parlamenten. Die neue Generation diskutiert anders als die vorhergehende. Gerade in diesen Zeiten ist es deshalb besonders wichtig, Orte der Erinnerung zu erhalten und zu schützen. Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg mit Zeppelinfeld und Zeppelintribühne als einzig erhaltener Propagandaort der Nationalsozialisten ist hier ein wichtiger Anknüpfungspunkt.

Anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Holocaust am 27. Januar 2019 besuchten unsere grünen Landtagsabgeordneten und Mitglieder im Ausschuss für Wissenschaft und Kunst – Verena Osgyan, Stv. Fraktionsvorsitzende, Gabriele Triebel, Sprecherin für Erinnerungskultur und Religion und Dr. Sabine Weigand, Sprecherin für Denkmalschutz – das Nürnberger Dokumentationszentrum und ließen sich vom Leiter der Einrichtung, Florian Dierl, die Perspektiven zur zukünftigen Weiterentwicklung schildern.

Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände ist jährlich Ziel von bis zu 300.000 Besuchern aus aller Welt und damit wichtiger Ort der internationalen Erinnerungskultur. War das Dokuzentrum bei seiner Gründung 2001 ursprünglich für etwa 100.000 Besucher angelegt, so kommt es jetzt deutlich an seine Grenzen. Die Stadt Nürnberg hat nun beschlossen das Zentrum um neue Ausstellungs-, Forschungs- und Lernbereiche zu erweitern, barrierefrei auszubauen und didaktisch zu modernisieren. Zu dem Ausbau steuert der Bund sieben Millionen Euro aus dem Programm „Nationale Projekte des Städtebaus“ bei. Vier Millionen Euro kommen vom Freistaat, 4,3 Millionen Euro wird die Stadt Nürnberg selbst aufbringen müssen. Für die Weiterentwicklung des inhaltlichen Ausstellungskonzeptes fehlen aber weiterhin finanzielle Zusagen.

Lange Zeit sehr kontrovers diskutiert wurde der bauliche Erhalt der Zeppelintribüne und der Umgang mit den weiteren baulichen Hinterlassenschaften auf dem Zeppelinfeld. Einerseits muss bei solchen Projekten immer bedacht werden, ob man ein solch massives Propagandagelände aus der Zeit des Nationalsozialismus überhaupt mit großem Mitteleinsatz erhalten oder es besser einem „kontrollierten“  Verfall preisgeben sollte, wie eine Anzahl von Künstlerinnen und Künstlern, Initiativen und  und Zeitzeugen forderten. Demgegenüber stand das Argument vieler internationaler Expertinnen und Experten, die den willentlichen Verfall des Geländes für geschichtsvergessen hielten. Dies hätte gleichzeitig auch bedeutet, dass das ganze Areal aus Sicherungsgründen abgesperrt und damit den Bürgerinnen und Bürger entzogen worden wäre. Denn auf dem Gelände des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes finden inzwischen längst vielfältige Freizeitnutzungen statt; die Stadtgesellschaft hat sich diesen Raum wieder angeeignet. Dieses Nebeneinander von Alltagsleben und Zeugnis der Vergangenheit wirken einer Mystifizierung des Ortes wirksam entgegen.

Nach langem Ringen wurde nun entschieden, dass aus pädagogischer Sicht der Erhalt des Geländes richtig und wichtig ist. Es braucht die unmittelbare Erfahrung für die Vermittlung dessen, was dort geschehen ist. Die zunehmend maroden Bauten sollen nicht restauriert, aber in ihrem heutigen Zustand für künftige Generationen erhalten bleiben. Dazu verabschiedete die Stadt Nürnberg im Jahr 2016 ein endgültiges Konzept für die bauliche Sicherung und die Erinnerungsarbeit mit konkreten Kosten von 85 Millionen. Sowohl die Stadt Nürnberg als auch der Bundestag haben beschlossen, Anteile der Finanzierung zu übernehmen. Allein der Freistaat hat es noch nicht geschafft, eine definitive Zusage zur finanziellen Unterstützung zu geben.

„Die räumliche Erweiterung des Dokuzentrums sowie die Instandhaltung der Zeppelintribüne ist wichtig“, freut sich Verena Osgyan, „Auch die geplante Überarbeitung der Dauerausstellung, die derzeit inhaltlich, technisch, methodisch und didaktisch noch auf dem Stand der Jahrtausendwende ist, braucht finanzielle Sicherheit, insbesondere beim Aufstocken des Personals. Daran darf auf keinen Fall gespart werden“, führt sie weiter aus. Damit dürfe man aber nicht stehen bleiben: „Es muss das ganze Gelände mit seinen wechselseitigen Beziehungen ernstgenommen werden. Insbesondere die Schicksale der Opfer müssen sichtbar gemacht werden. Hier auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände zum Beispiel klafft eine wissenschaftliche und didaktische Lücke, was die Aufarbeitung der Geschichte des nahegelegenen „Bahnhofs Märzfeld“ als Ausgangsort der Deportationen von Jüdinnen und Juden und der über 200 000 Kriegsgefangenen betrifft. Dafür haben wir Grüne uns seit langem eingesetzt. “

„Wir haben rund um die Gedenkstätten viel Wissen aufgebaut, aber noch immer gibt es viele kleine Orte, die völlig auf sich gestellt sind und staatliche Unterstützung bei der Aufarbeitung ihrer Relikte und der Geschehnisse vor Ort benötigen. Erst in den 80er und 90er Jahren wurde durch zivilgesellschaftliche Initiativen überhaupt begonnen, die lokalen Ereignisse zu erforschen und dokumentieren. Und nach wie vor fehlt dafür eine strukturelle Unterstützung des Freistaats“, so Gabriele Triebel.

„Es braucht definitiv eine landespolitische Debatte über die bayerische Erinnerungskultur insgesamt. Es gibt noch viele erinnerungspolitische Fehlstellen, beispielsweise zur Geschichte der Zwangsarbeiter und der Euthanasie, und es fehlen 74 Jahre nach Kriegsende immer noch Konzepte, wie mit diesen Themen umgegangen werden kann.“ mahnt Sabine Weigand, Sprecherin für Denkmalschutz, an. „Das zeigt ganz aktuell die Debatte um den Erhalt des Kopfbaus der „Hupfla“ in der Nachbarstadt Erlangen. Hier muss unbedingt dafür gesorgt werden, dass an diesem Schauplatz der nationalsozialistischen Patientenmorde ein würdiger musealer Gedenk- und Lernort geschaffen wird.“

Die Landtagsgrünen sind sich einig, dass Erinnerungskultur eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Sie soll in der pädagogischen Vermittlung der heutigen Vielfalt unserer Gesellschaft gerecht werden und einen verantwortungsvollen Umgang mit allen Facetten der Zeit des Nationalsozialismus, der Aufarbeitungsgeschichte in der Nachkriegszeit sowie den Nachwirkungen bis heute gewährleisten. Die Erweiterung des Dokumentationszentrums und die Instandhaltung der Zeppelintribüne sind daher nicht nur Aufgaben der Stadt Nürnberg, sondern haben landes- und bundesweite, wenn nicht internationale Bedeutung. Die Landtagsgrünen fordern deshalb den Freistaat auf, statt Absichtsbekundungen endlich verbindliche Zusagen zu Art und Umfang der Beteiligung an diesem wichtigen Projekt zu machen, und sich um die Aufarbeitung der immer noch vorhandenen erinnerungskulturellen Lücken zu kümmern.

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