„Familie ist da wo Kinder sind“

PODIUMSDISKUSSION

Die Wolfratshauser Grünen veranstalteten in der Flößerei eine Podiumsdiskussion zum Thema „Familie ist da wo Kinder sind“ mit dem Schwerpunkt auf Alleinerziehenden. Verena Osgyan, Sprecherin für Frauen- und Gleichstellungspolitik der Grünen-Landtagsfraktion nahm am Podium teil. Lucia Schmidt übernahm die Moderation; damit war das Podium nur mit Frauen besetzt.

Sandra Meiner, Geschäftsleitung des Vereins Frauen helfen Frauen Wolfratshausen, berichtete über die Situation von Frauen mit Kindern, die im Frauenhaus Zuflucht suchen. Die Plätze reichen nur für ungefähr die Hälfte der Schutzsuchenden, obwohl Wolfratshausen mit sechs Plätzen und einem Notplatz noch gut ausgestattet ist im Vergleich mit anderen bayerischen Kommunen. Ungefähr 200 Notrufe gehen ein bei der Hotline pro Jahr, d.h. 200 Frauen, die meisten davon mit kleinen Kindern, suchen Schutz in unserem Landkreis vor Gewalt durch ihren Partner. Nur 1/3 der Partner zahlen übrigens für den von ihnen verschuldeten Aufenthalt. Für die Mehrheit muss der Verein aufwendige Anträge bearbeiten und nachweisen, dass vom Partner Gewalt angewandt wurde – nur dann zahlt das Landratsamt den Platz im Frauenhaus.

Mehr als 1.5 Millionen Alleinerziehende gibt es in Deutschland, nur ca. 10 % davon sind Männer, die meistens im Gegensatz zu den Frauen größere Kinder zu versorgen haben. Alleinerziehende haben ein fünfmal größeres Armutsrisiko als der Durchschnitt, und 1/3 bezieht Hartz IV. 50 % der betroffenen Frauen bekommen keine Unterhaltsleistungen von ihren Partnern und die Männer finden oft Wege, sich vor diesen Zahlungen zu drücken. Für Unterhaltsleistungen müssen – oft mit Unterstützung des Vereins – komplizierte Anträge bei unterschiedlichen Behörden gestellt werden, die zudem aufeinander aufbauen. Als Skandal bezeichneten die Anwesenden, dass das Jobcenter bis zu drei Monate Zeit braucht, bis es Leistungen geprüft hat und Unterhalt auszahlt.

77 % der alleinerziehenden Frauen arbeiten im Dauereinsatz 365 Tage im Jahr für ihre Kinder mit viel Organisationstalent, um den Anforderungen der Arbeit, der Kinder und der Gesellschaft gerecht zu werden. Zudem sind sie auch wegen der Kinder unflexibler und haben oft Schwierigkeiten mit verständnislosen Chefs. Dies alles führt oft zu gesundheitlichen und psychischen Problemen.

Kinderbetreuung ist eine weitere Herausforderung: in Wolfratshausen bekommen sie unter dem Jahr keinen Kindergartenplatz, die Wartezeit beträgt bis zu einem Jahr! Und für die Schulferien und langen Schließungszeiten der KiTas muss Ersatz organisiert werden. Kinderkrippen sind nur dann von Vorteil, wenn sie sehr gut sind und wenn es daheim sehr schlecht geht. Für Frauen, die deutsch lernen wollen, besteht eine zusätzliche Hürde in Wolfratshausen: es gibt keine Deutschkurse mit Kinderbetreuung!

Hans Urban, der Grünen-Landtagskandidat für unseren Wahlkreis, erhielt allgemeine Zustimmung, dass seit ca. zehn Jahren ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden hat: früher war es selbstverständlich, dass die Kinder die ersten drei Jahre daheim geblieben sind. Seine Kinder sind erst mit fünf Jahren in den Kindergarten gegangen, weil sie viel lieber im Wald gespielt haben. Allerdings ist ein Unterschied in der Vorschulreife festzustellen gegenüber Kindern, die viel früher im Kindergarten waren. Die Frage aus dem Publikum war, nach welchen Werten die Kinder betrachtet werden, was wichtiger ist für das spätere Leben: Vorschulreife mit zählen und teilweise sogar lesen oder Erlebnisse in der Natur und Ausbildung aller Sinne.

Verena Osgyan, der Sprecherin für Frauen- und Gleichstellungspolitik der Grünen-Landtagsfraktion, geht es vor allem darum, die Freibeträge für Kinder stark zu erhöhen und diese nicht mit Hartz IV zu verrechnen. Das Ehegattensplitting, das Gutverdienern nützt und Familien mit Kindern schadet, sollte abgeschafft werden. Bayern braucht eine bessere Kinderbetreuung, damit Frauen eine Chance haben, der Altersarmut zu entgehen. Gerade dieses Thema ist tabu – die Staatsregierung in Bayern spielt hier mit geschönten Zahlen, um von ihrer Untätigkeit abzulenken: fast 50 % aller Senior*innen erhalten weniger als die Armutsgrenze, die bei 800 € pro Monat liegt.

52 % der Eltern in Bayern wollen Betreuungsplätze, um arbeiten zu können, aber nur für 25 % der Kinder sind welche vorhanden – Bayern ist hier Schlusslicht und will dies durch ein jährliches Kinderbetreuungsgeld von 1.000 € ausgleichen, wenigstens für dieses Wahljahr, Kosten 400 Millionen. Dabei braucht es qualitativ bessere und deutlich mehr Betreuungsplätze und eine Ausbildungsvergütung für Erzieher*innen, mehr Lohn dazu, damit dieser Beruf attraktiv wird. Hans Urban fand es ebenso viel wichtiger, hier mehr Geld auszugeben anstatt mehr Betreuungsgeld zu verteilen, das zusätzlich noch von Hartz IV abgezogen wird. Verena Osgyan führte weiter aus, dass die Arbeitsplätze von Alleinerziehenden oft wechselnde Arbeitszeiten erfordern, hier fehlen Kinderbetreuungsmöglichkeiten in Randzeiten, z.B. am Abend oder bei Schichtdienst und überhaupt auch in der Schulferienzeit. Deshalb fordern die Grünen im Landtag, dass der Freistaat Programme auflegt, um Firmen zu unterstützen, die familienfreundliche Arbeitsplätze bieten. Rudi Seibt wandte ein, dass fast 90 % aller bayerischen Firmen nur bis zu zehn Arbeitsplätze haben und deshalb solche Angebote nur schwer nutzen können.

Familien müssen allgemein gestärkt werden, damit würde es auch den Alleinerziehenden besser gehen. Alle Familienformen müssen gefördert werden – in Bayern sind nur noch drei Viertel aller Familien konventionelle Familien mit Vater, Mutter und Kindern, ein Viertel sind bunt zusammengewürfelt mit Kindern. Interessant war die Einsicht, dass es seit vielen Jahren schon Alleinerziehende in der Gesellschaft gab, aufgrund von Kriegen und anderen Ursachen, aber die Stigmatisierung dieser Menschen ist neu.

 

Eine Besucherin führte aus, dass der Wolfratshauser Ferienpass Hohn sei, weil die arbeitende Mutter daheim bleiben muss in der Ferienzeit, um ihre Kinder zu betreuen; die Angebote seien auch teilweise teuer. So sei der ev. Kindergarten in Wolfratshausen an 30 Werktagen im Jahr geschlossen, d.h. eine arbeitende Alleinerziehende muss ihren gesamten Jahresurlaub danach ausrichten. Eine Alleinerziehendenkarte wäre eine Anerkennung für diesen Personenkreis, ähnlich wie die Ehrenamtskarte. Zudem brauche es neue Ansätze, wie Alleinerziehende Wohnraum bekommen. Trotz intensiver Unterstützung wurde in Wolfratshausen eine Alleinerziehende mit zwei Kindern, die wenig deutsch spricht, 62 mal bei der Wohnungssuche abgewiesen.

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