„Wir packen es, wir schaffen das gemeinsam!“

ORTSTERMIN

Am Mittwoch, den 02.09.2015 besuchte Verena Osgyan die Stadt Roth, um sich über die Unterbringung und Situation der Geflüchteten vor Ort zu informieren. Dort traf sie den Landrat Herbert Eckstein (SPD) und besuchte anschließend mit dem Grünen Kreisverband Roth Geflüchtete und ehrenamtliche Helfer und Helferinnen im ersten Asylcafé im Landkreis.

Neben der Zweigstelle der Erstaufnahmeeinrichtung Zirndorf in der ehemaligen Otto-Liliennthal-Kaserne gibt es im Landkreis Roth derzeit drei Gemeinschaftsunterkünfte und 65 dezentrale Unterkünfte, welche insgesamt gut über 1700 Menschen beherbergen. Landrat Eckstein setzte dabei von Anfang an auf ein Konzept der dezentralen Unterbringung. Im Gespräch mit Verena Osgyan betonte er die vorbildliche Willkommenskultur, die dank vieler engagierter Menschen in den Helferkreisen in Roth entstanden ist, aber auch die Notwendigkeit, als Verantwortliche einfach anzupacken anstatt die Probleme auf die lange Bank zu schieben. Hier hat das Landratsamt bereits frühzeitig auf eigene Kosten professionelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Koordination der Ehrenamtlichen eingestellt, anstatt auf Hilfe des Freistaats zu warten. Die Herausforderungen, angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen gute Unterbringungsmöglichkeiten zu finden stellen seine Beschäftigten vor große Aufgaben, aber es ist zu meistern und die Stimmung ist gut. Eine enorme Erleichterung wäre es, wenn das Landratsamt rechtzeitig über die Zahl der Geflüchteten, die neu in Roth ankommen informiert werden würde. Nur so lässt sich für alle Beteiligten rechtzeitig eine optimale Lösung finden. Auch fehlt dem Landrat das Verständnis, warum nur Wohlfahrtsträger Asylsozialberatung leisten sollten. Sie können das nachweislich auch, stellt Eckstein klar, und betont, dass es ihn freut wenn derzeit die Medien über die große Hilfsbereitschaft der Bevölkerung für die ankommenden Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof berichten, in seinem kleinen Landkreis sei das aber auch seit langem gang und gäbe.

Von der Rother Willkommenskultur wollte Verena Osgyan sich dann auch noch selbst überzeugen. Zusammen mit der Grünen Kreisrätin Dr. Ursula Burkhard, dem Grünen Kreisvorsitzenden Christoph Leikam, Stadträtin Andrea Schindler und Sohn Christoph Schindler sowie Student der Vergleichenden Kulturwissenschaft Daniel Gaittet besuchte Verena anschließend das Asylcafé im Rother Sieh-Dich-Für-Weg, das gleich neben einer der beiden Rother Gemeinschaftsunterkünfte untergebracht ist.

Im Asylcafé treffen sich jede Mittwoch Geflüchtete und Menschen, die sich in den Helferkreisen engagieren. Die Räumlichkeiten in dem ehemaligen Diakonie-Kurzzeitpflegeheim sind inzwischen zu einer richtigen Begegnungsstätte geworden. Der Duft von heißem Kaffee schwebte in der Luft und ein Kind füllte zusammen mit einer Frau aus dem Helferkreis gemeinsam den Tisch mit den Leckereien, die diese Woche für das Asylcafé gespendet wurden. Über 40 Menschen jeden Alters, alleine und mit der Familie, haben sich hier bei unserem Besuch in dem kleinen Café mit angrenzender Küche getroffen. Nicht alle der Besucherinnen und Besucher sprechen schon ausreichend Deutsch, aber die Verständigung klappt – entweder mit Händen und Füßen oder durch Dolmetscherdienste anderer Besucher, die auf englisch, arabisch, kurdisch und in einigen anderen Sprachen zu vermitteln wissen.

Im Gespräch mit den Besucherinnen und Besuchern wurde immer wieder deutlich, wie sehr alle der hier neu angekommenen darauf hoffen, sich bald produktiv vor Ort einbringen und ihren eigenen Lebensunterhalt sichern zu können. Vom Kameramann aus dem Irak über das Rechtsanwaltspaar aus Syrien bis hin zur angehenden Altenpflegerin aus der Ukraine machten alle deutlich, wie gerne sie bald wieder in ihrem alten Beruf arbeiten oder eine Ausbildung beginnen würden.

Neben dem Asylcafé führten die Bewohnerinnen und Bewohner die anwesenden PolitikerInnen auch gleich durch die Gemeinschaftsunterkunft und in die Kleiderkammer, in der der Helferkreis Spenden sammelt, sortiert und die Kleidung nach Größen und Stil geordnet zur Anprobe bereit hält. Großer Bedarf besteht immer nach gutem Kinderspielzeug, derzeit werden auch Kleidungsstücke für die bevorstehende Wintersaison gesucht – bevorzugt Freizeitkleidung in kleinen Größen. „Wir hatten auch schon hilfsbereite Menschen, die uns eine Ladung Trachten vorbeigebracht haben – die haben wir dann allerdings zu den Kleidersammlungen anderer Verbände weitergereicht.“

Bei der Besichtigung wurde klar: In Roth hat etwas funktioniert, was wir uns für alle Orte in diesem Land wünschen. Hier stehen Menschen in schwierigen Zeiten zueinander, gehen Probleme gemeinsam an und rücken dadurch näher zusammen, über alle Grenzen hinweg.

„Der Café Treff in Roth ist nur ein kleiner Ausschnitt der Hilfsbereitschaft, die wir Tag für Tag in allen Gemeinden und Regionen erleben können. Angesichts der dumpfen Parolen und des Terrors der Rechten tut es gut, zu sehen, dass die Mehrheit eine herzliche Willkommenskultur lebt und sich nicht von Angst- und Scharfmachersprüchen beeinflussen lässt. Umso wichtiger ist es, diese Initiativen zu unterstützen und ihnen eine stete Plattform zum Austausch zu geben. Nur durch eine starke Zivilgesellschaft können wir die Rechten stoppen und ein nächstes Vorra oder Heidenau verhindern“, erklärt Verena Osgyan.

Die Adresse der Einrichtung hat übrigens in den Zusammenhang auch eine doppelt-symbolische Bedeutung: Roth hatte bereits vor Jahrhunderten zu Zeiten der Markgrafenkriege eine bayernweit einzigartige Funktion als Asylstadt. Noch heute erinnert der Name „Sieh-dich-für-Weg“ daran, dass dort früher die Stadtgrenze lag und Asylsuchende die in Roth Zuflucht gefunden hatten bei übertreten der Gemarkung aufpassen mussten, nicht ihren Häschern in die Hände zu fallen. „Es ist schön, dass Stadt und Landkreis Roth mit ihrem Engagement für ein gutes Miteinander hier in vorbildlicher Weise an diese historische Reminiszenz anknüpfen!“, betont Verena Osgyan.

In einem waren sich aber auch alle einig: Nicht alles können die Bürgerinnen und Bürger auf ehrenamtlicher Basis schultern. Es gibt es viele Probleme, die dringend eine politische Lösung erfordern. Deshalb fordern die Grünen einen garantierten Zugang zu Sprachkursen für Geflüchtete sowie einen schnelleren Zugang zum Arbeitsmarkt durch die Beseitigung von administrativen Hemmnissen. Weiter muss die Staatsregierung die kommunale Ebene stärker unterstützen, denn hier wird die Unterbringung und das Leben mit Geflüchteten tatsächlich umgesetzt.

Für die Buchhändlerin Hildegard Genniges, neben dem Vorsitzenden Edgar Griese eine der SprecherInnen des Rother Helferkreises, ist zudem die Investion in gute Schulbildung der Kinder das A und O. Sie versteht nicht, warum es in Bayern nicht längst Zweitlehrkräfte in allen Klassen gibt, um hier beim Spracherwerb und bei der Integration schneller unterstützen zu können – und das, obwohl derzeit viele junge Lehrkräfte auf der Warteliste stehen. Manchmal, erzählt sie weiter, fehlt es auch an ganz praktischen Regelungen: „Warum gibt es beispielsweise die Formulare für die theoretische Führerscheinprüfung in über einem Dutzend Sprachen, aber nicht in arabisch? Das würde vielen der hier aus dem Nahen Osten stammenden beispielsweise sehr weiterhelfen.“

Fotografische Impressionen vom Besuch im Asylcafé finden Sie hier.

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