Opa und Oma – Helden oder Nazis? Trümmerfrauenmythos und Wiederaufbau in Nürnberg

FACHGESPRÄCH

Die Auseinandersetzung der Landtagsgrünen mit dem Mythos Trümmerfrauen hat bereits vor zwei Jahren in München für großes Aufsehen gesorgt. Grund genug für die Nürnberger Abgeordnete Verena Osgyan, auch in ihrer Heimatstadt  in Form einer Podiumsdiskussion eine längst überfällige Debatte über Verzerrungen im kollektiven Gedächtnis anzustoßen.

Das Fachgespräch fand am 3. Dezember 2015 im Glasbau, Künstlerhaus Nürnberg statt.

Im Dezember 2013 gelang es Katharina Schulze und Sepp Dürr mit ihrer Verhüllung des Münchner „Trümmerfrauen-Denkmals“, eine breite Diskussion darüber in Gang zu setzen, wie die Trümmerräumung in den meisten deutschen Städten nach 1945 tatsächlich ablief und wieso sich der Mythos der Trümmerfrau – trotz ihn in Frage stellender Forschungsergebnisse – bis heute so hartnäckig hält. „Die zum Teil sehr heftigen Reaktionen auf die Aktion meiner KollegInnen haben gezeigt, wie umkämpft die Deutung der NS-Vergangenheit – und ihrer Nachwirkungen – bis heute noch ist“, erklärte Verena Osgyan in ihrem einführenden Statement. Jede Generation mache sich offenbar ihr eigenes Bild der Geschichte. Der Umgang damit sei daher immer wieder neu zu verhandeln. „Das ist auch das Ziel dieser Veranstaltung. Uns geht es darum, Lücken im kollektiven Gedächtnis zu schließen und problematische Mythen als solche zu entlarven“, so Osgyan.
Wissenschaftlichen Rat holte sie sich dafür bei der Historikerin Dr. Leonie Treber, die sich im Rahmen ihrer Doktorarbeit intensiv mit dem Mythos Trümmerfrauen beschäftigt hat, und bei Steven Zahlaus vom Nürnberger Stadtarchiv.

Podium_Leonie Treber_klein

Leonie Treber gelang es in ihrem Vortrag eindrucksvoll, den Mythos der Trümmerfrauen historisch einzuordnen – und damit sehr deutlich in Frage zu stellen. Es seien nicht in erster Linie die Frauen gewesen, die im und nach dem Krieg in Deutschland den Trümmerschutt beiseite geräumt haben, abgesehen allenfalls von Berlin, und auch dort käme ihnen der Verdienst nur für einen kleinen Zeitraum unmittelbar nach 1945 zu. Die Bevölkerung – ob Männer oder Frauen – hätten sich nur beteiligt, weil sie als Gegenleistung Lebensmittelkarten erhielten. Hauptsächlich aber hätten die Aufgabe deutsche Kriegsgefangene und NS-Parteigänger erledigt und v.a. kommerzielle Baufirmen, die die dazu notwendigen Räumgeräte besaßen. Bis in die 80er Jahre sei der Begriff der Trümmerfrauen in Westdeutschland im Unterschied zur DDR, die ihn ideologisch instrumentalisierte, unbekannt gewesen. Es sei nicht zuletzt dann die Frauengeschichtsschreibung gewesen, so Treber, die ihn salonfähig gemacht habe. In den Jahren nach 2000 hätten ihn die Rechten für ihre revanchistischen Zwecke entdeckt.

Keine Kollektivschuld – aber auch keine kollektive Entlastung!

Diese Einschätzung unterstrich auch der Stadthistoriker Zahlaus: „Die ahistorische Verklärung der Trümmerfrau hat sich nicht nur in Nürnberg vielfach festgesetzt.“ Die Recherche in den städtischen Archiven zeige zwar durchaus, „dass es einzelne Frauen gegeben hat, die sich an der Trümmerräumung beteiligt haben. Das war jedoch eine sehr überschaubare Zahl“, so Zahlaus.

In der Diskussion mit dem Publikum machten sowohl Verena Osygan als auch die beiden ExpertInnen klar, dass man von einer „Stunde Null“ im Jahr 1945 – und damit von einer kollektiv entlasteten „Aufbaugeneration“ – genauso wenig sprechen könne, wie von einer Kollektivschuld aller Deutschen. „Es gibt in der Geschichte immer ein davor und ein danach – und Brücken dazwischen“, erklärte Leonie Treber. Man könne die Geschichte des Wiederaufbaus daher nicht ohne die Geschichte des Krieges, der Zerstörung und der grausamen NS-Verbrechen erzählen. Gerade deshalb sei es die Aufgabe von Gesellschaft, Wissenschaft und Politik, sich (selbstkritisch) mit den Kontinuitätslinien in der Nachkriegszeit und den Nachwirkungen der NS-Zeit – zum Teil bis heute – auseinanderzusetzen, ergänzte Verena Osgyan.

„Dieser Aufgabe haben wir Grüne uns in unserem politischen und parlamentarischen Handeln von Beginn an verschrieben. Dies wird auch weiterhin so bleiben“, versprach Osgyan in ihrem abschließenden Fazit. Dazu zähle insbesondere auch der kritische Blick auf so unbequeme Themen wie den vielfach so wenig hinterfragten und weiterhin in breiten Teilen der Gesellschaft gepflegten Mythos der Trümmerfrauen.

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nuremberg_in_ruins_1945_HD-SN-99-02987.JPG

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