Bologna-Reform zum Erfolg führen: Keine Rolle rückwärts!

PLENARREDE

„Bachelor, Master, Diplom – Vielfalt statt Einheitsmodell“ war der Titel einer Aktuellen Stunde am 18. Juni 2015 im Bayerischen Landtag, in der die FW-Fraktion eine Rückkehr zu den alten Diplomstudiengängen forderte. Doch auch wenn 16 Jahre nach der Unterzeichnung des Bologna-Vertrags die Reform in Bayern immer noch nicht zufriedenstellend umgesetzt ist – die Einführung eines Europäischen Hochschulraums ist die Vision, an der wir festhalten sollten anstatt hier auszuscheren und auf längst überholte Konzepte zu setzen, meinte dazu Verena Osgyan in ihrer Rede im Plenum.

Hier Verena Osgyans Rede im Volltext:

Verehrte Präsidentin, verehrte Kolleginnen und Kollegen,

Zwei Treppen hoch – Drei wieder runter – so und nicht anders müssen wir die Inititative der Freien Wähler bezeichnen.

Ja, die Kritik am Bau der Bologna Reform ist gerechtfertigt, das steht außer Frage, denn: 16 Jahre nach Unterzeichnung der Bologna-Erklärung ist der europäische Hochschulraum noch längst nicht verwirklicht.

Das ist mehr als schade. Die inspirierende und kraftvolle Idee, dass ein europäischer Hochschulraum aus 48 Ländern mit vielfältigen wissenschaftlichen, politischen und kulturellen Traditionen entsteht, war der richtige Leitfaden und muss noch stärker und aktiver umgesetzt werden.

Ein echter europäischer Hochschulraum ist mobilitätsfreundlich, studierendengerecht, weltoffen, attraktiv, leistungsstark, innovativ und sozial.

Gerade in Bayern ist die Umsetzung der Bologna-Reform aber durchwachsen und alles andere als ein Erfolg. Das Fundament steht, die ersten Etagen sind gebaut, aber der Architektenentwurf ist schlecht umgesetzt.

Bayerns Universitäten und Fachhochschulen haben ihr Studiensystem zwar formal weitgehend umgestellt auf die gestuften Abschlüsse „Bachelor“ und „Master“. Doch die Idee von Bologna wirklich innovativ umzusetzen, das ist nicht gelungen.

Wir sagen: Die Bologna Reform mit ihren richtigen Zielen darf nicht an schlechter und mutloser Umsetzung scheitern. Deshalb wollen wir Grüne eine Reform der Bologna-Reform: Für zukunftsfähige Hochschulen, die die Studierenden in den Mittelpunkt stellen.

Aber bei aller berechtigten Unzufriedenheit bei Studierenden wie Lehrenden darüber, dass sich manche Geburtsfehler dieser Reform immer weiter auswachsen, dürfen wir jetzt nicht das Ziel aus den Augen verlieren und Bologna in den Wind schreiben – nichts anderes  bedeutet der Vorschlag der FW-Fraktion nämlich!

Auch wir finden, dass unsere Diplomstudiengänge eine hohe Qualität hatten (und noch haben), und Diplom-Ingenieurin oder Ingenieur ist ein Titel, der einen guten Klang hat, eine deutsche Marke. Ich weiß von was ich rede, ich habe auch seinerzeit auf Diplom studiert und stelle fest dass beim Bachelor-Studium das danach kam wesentlich stärker komprimiert und verschult war, aber qualitativ keineswegs besser. Den Inhalt von neun Semestern in sechs pressen zu wollen funktioniert einfach nicht.

Die noch verbliebenen Diplomstudiengänge jetzt mit Gewalt auf umzustellen, hat für mich daher sicher keine Priorität. Aber angesichts der immer noch vorhandenen Schwierigkeiten jetzt eine Rolle rückwärts zu fordern und neben Bachelor und Master das gleiche auch noch als Diplomstudiengänge anzubieten, ist unkreativ und rückwärtsgewandt und löst die Probleme nicht.

Im Gegenteil, es schafft neue Unruhe in einem System das noch längst nicht im Regelbetrieb angekommen ist. Die Debatte ist wirklich nutzlos wie ein Kropf.

Statt jetzt erneut allein an der Studienstruktur zu rütteln, geht es uns darum, die tatsächliche Situation an den bayerischen Hochschulen zu optimieren und den Bologna-Prozess endlich zu einem Erfolg zu machen.

Wir wollen nicht, dass Generationen von Studierenden zu Opfern einer verfehlten Hochschulreform werden.

Deshalb akzeptieren wir nicht, dass mancherorts den alten Magister- oder Diplom-Studiengänge nur das Korsett des sechssemestrigen Bachelor übergestülpt wird.

Es entbehrt natürlich nicht der Ironie, dass jetzt genau die Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaftsverbände die vor 10, 15 Jahren beklagt haben dass unsere Absolventinnen und Absolventen im internationalen Vergleich zu alt wären, jetzt über die mangelnde Berufstauglichkeit des Bachelors klagen.

Eine Folgerung die sich daraus ergibt ist aber sicher richtig: der Wunsch nach einem komprimierten Express-Studium, das allein auf eine schnelle berufliche Verwertbarkeit gesetzt hat, war in weiten Teilen ein Irrweg.

Wir Grüne wollen, dass aus der Kleinteiligkeit der bisherigen Reform wieder eine großangelegte Vision wird! Dazu brauchen wir dringend mehr hochschulpolitische Anstrengungen, finanziell und qualitativ.

Die Baustellen sind vielfältig:

Die Hochschulbildung in Bayern wird erst dann wirklich erfolgreich werden, wenn Hochschulen nicht mehr chronisch unterfinanziert und von Drittmitteln abhängig sind. Wir haben dazu viele, viele Anträge gestellt wie Sie wissen, die leider alle abgelehnt wurden.

Und wir müssen zu starre Regelungen – gerade auch zeitliche Vorgaben bzgl. der Studiendauer und beim Hochschulzugang – deutlich flexibler machen. Um Studienabbrüche zu vermeiden müssen die Studierenden sozial besser abgesichert und betreut werden, und die Studiengänge inhaltlich verbessert werden.

Und wenn die Studierenden dann auch wieder Zeit haben zum Studieren und die Chance, durch Auslandsaufenthalte über den Tellerrand zu schauen, werden sie auch die Qualitäten entwickeln die man braucht um in einer Wissensgesellschaft erfolgreich zu sein in der sich Berufsbilder schneller wandeln als man „Digitalisierung“ sagen kann.

Dafür muss aber für alle Bachelor-Absolventinnen und -Absolventen, die entsprechende fachliche Zugangsvoraussetzungen erfüllen, ein anschließendes Master-Studium möglich sein.Gerade hier sehen wir in Bayern deutlichen Handlungsbedarf. Mit einem Studierendenanteil von gerade mal 4,7 Prozent in Masterstudiengängen liegt Bayern laut Bericht ihres Wissenschaftsministeriums vom 23. Juni 2014 im Bundesländervergleich auf dem letzten Platz. Auch bei der Quote der Neueinschreibungen in bayerischen Masterstudiengängen bestätigt sich dieser erschreckende Eindruck: Diese liegt in Bayern bei nur 7,8% gegenüber 12,2 % im Bund. Demgegenüber sagen über 60% der Studierenden, dass sie mittelfristig einen Master anstreben, da stimmt etwas ganz eindeutig nicht in der Relation.

Wir haben daher wiederholt ein bedarfsgerechtes Ausbaukonzept für ausreichend Masterplätze gefordert. Auch das wurde uns von der CSU bis heute verwehrt.

Anstatt aber jetzt aus der Not heraus wieder zum Diplom zurückzukehren und die internationale Anschlussfähigkeit zu verlieren, ist für uns die Schlussfolgerung den Master zur Regel statt zur Ausnahme zu machen und den guten Klang des Deutschen Diploms können wir ja zusätzlich über Äquivalenzzertifikate verleihen.

Vielen Dank!

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