Altern ohne Grenzen

GRUSSWORT
beim Symposium „Altern ohne Grenzen.Kultursensible Versorgung am Lebensende in Klinik und Pflegeeinrichtungen“ von Klinikum Nürnberg und NürnbergStift

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Besucher und Besucherinnen des Symposiums „Altern ohne Grenzen“,

ich freue mich sehr, dass ich heute als Grüne Abgeordnete ein Grußwort an Sie richten darf. Ich überbringe Ihnen hiermit auch die herzlichen Grüße der Fraktion Bündnis 90/ die Grünen im Bayerischen Landtag.

Gesundheit, Pflege, der demografische Wandel und Migration sind in unserer alternden Gesellschaft zentrale Zukunftsthemen – das sind unsere politische Schwerpunktaufgaben, die uns in der jetzt und in der nächsten Legislatur im Bayerischen Landtag ganz verstärkt beschäftigen.

Wir könnten das auch so zusammenfassen: Wir werden älter wir werden immer bunter, aber wir werden auch weniger.

Mit Ihrem Symposium zum Thema  „Altern ohne Grenzen – kultursensible Versorgung am Lebensende in Klinik und Pflegeeinrichtungen“ greifen Sie erneut ein Feld auf, dass an der Schnittstelle all dieser Herausforderungen steht. Aber auch wenn es ein wichtiges politisches Zukunftsthema ist – die Herausforderungen bestehen längst im Hier und Jetzt.

Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sind längst keine Randerscheinung mehr. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund an der gesamtdeutschen Bevölkerung beträgt heute etwa 20%. In Berlin hat mittlerweile fast jeder Dritte einen Migrationshintergrund. In Bayern haben ebenfalls  über 20% Menschen Migrationshintergrund, in Nürnberg, einer weltoffenen und schon immer von Zuwanderung geprägten Stadt, sind es sogar um die 45%[1].

Bayern war schon immer ein Ort des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Biografie und kultureller Prägung. Und gerade diese Vielfalt und die damit verbundene gesellschaftliche Dynamik zeichnen das moderne Bayern auch aus. In Zukunft werden in Bayern weit mehr ältere Menschen leben als heute, sie werden länger leben und immer weniger Jüngeren gegenüberstehen.

Damit wir von dieser Entwicklung nicht überrollt werden müssen wir heute die Weichen stellen und neue altenpolitische Ansätze finden. Die politische Diskussion verkürzt sich derzeit vor allem auf die Rentenfrage. Die Frage ist aber, wie eine Gesellschaft aussehen soll, in der eine im Vergleich zu heute riesige Anzahl an Menschen leben wird, die zwischen 65 und über 100 Jahre alt sein werden: Welches „Altenbild“ braucht diese Gesellschaft, wie sieht das Zusammenleben der Generationen aus, welche aktive Rolle werden die „Alten“ spielen und wie können wir sie dabei, auch an ihrem Lebensende, adäquat unterstützen?

In all diesen Überlegungen muss die steigende Anzahl an älteren Menschen mit Zuwanderungsgeschichte immer mit bedacht werden.

Bereits 2011 hatten bayernweit über 10% aller Seniorinnen und Senioren einen Migrationshintergrund, in den nächsten 20 Jahren wird sich die Zahl der 65jährigen und Älteren mit Zuwanderungsgeschichte nochmals um knapp 50% erhöhen[2], In Großstädten wie Nürnberg oder Augsburg beträgt die Anzahl der Älteren mit Zuwanderungsgeschichte bereits heute mehr als ein Drittel, wie Sie ja bereits in der Einladung zu diesem Symposium anführen.

Damit wächst auch die Anzahl schwerstkranker und älterer Migrantinnen und Migranten. Aus dieser Tatsache ergibt sich die Aufgabe, auch Menschen mit Migrationshintergrund in ihrer letzten Lebensphase adäquat zu pflegen, zu betreuen und zu begleiten.

Wie aber  mit Schmerzen, Schwersterkrankungen, Sterben und Tod umgegangen wird, kann kulturell sehr unterschiedlich sein.

Pflege wird somit auch immer anspruchsvoller und vielfältiger in ihren Aufgaben hinsichtlich körperlicher, psychischer aber auch  religiöser und spiritueller Bedürfnisse, insbesondere auch im Sterbeprozess.

Fast alle der Menschen, die als sogenannte Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen nach Bayern gekommen sind, haben ihre ursprünglichen Pläne, in ihre Heimatländer zurückzukehren, aufgegeben, sind heimisch geworden, haben Familien gegründet und verbringen nun ihren Lebensabend hier.

Eine vernünftige Altenpolitik bedeutet hier, sich dieses Integrationsbedarfs anzunehmen und Strukturen für kultursensible Pflege zur Verfügung zu stellen.

Die Forderung der kultursensiblen Pflege beschränkt sich allerdings nicht nur auf den Bereich der ethnokulturellen Identität, auch die soziokulturelle Identität muss hier stets mitbedacht werden, womit auch pflegebedürftige Menschen ohne Zuwanderungsgeschichte haben ein Recht darauf, dass ihre Wünsche, durch wen und wie sie gepflegt werden, berücksichtigt werden.

Ein wichtige Erkenntnis im Bereich der Altenpflege ist, dass Menschen nach dem Normalitätsprinzip bei abnehmender körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit häufig wieder auf ihre Normen und Handlungsweisen aus früheren Lebensabschnitten zurückgreifen.

Verhaltensweisen, die in früheren Zeiten „normal“ galten, können heute unpassend wirken. Aufgrund der unterschiedlichen Definition, was für jeden von uns als „normales Verhalten“ gilt, kann es zwischen Erkrankten und ihrer Umwelt zu Irritationen kommen. Durch Kenntnisse über die Biographie eines Menschen können auf den ersten Blick unerklärliche Verhaltensweisen interpretiert und richtig darauf reagiert werden.

Wir kennen das alle von unseren deutschstämmigen Großeltern, die im hohen Alter häufig wieder Traumata von Krieg, Flucht und Vertreibung aufarbeiten. Bei älteren Menschen anderen kulturellen Hintergrunds treten dann nochmals andere Barrieren hervor, beispielsweise Verlust der erlernten Zweitsprache oder Scham und Aversionen gegenüber Pflegenden des anderen Geschlechts, mangelnde Berücksichtigung ihrer religiösen Bedürfnisse oder schlicht bestimmter Essensvorlieben.

Bisher war man häufig davon ausgegangen, dass Menschen mit Migrationshintergrund – wenn sie denn überhaupt in Deutschland bleiben, von ihren Angehörigen, zumeist den Töchtern privat gepflegt werden wie es in ihren Herkunftsländern üblich war.

Die Pflege im häuslichen Umfeld nimmt aber immer mehr ab, das betrifft auch und gerade Menschen aus eher traditionell geprägten kulturellen Hintergründen.

Denn die Familienstrukturen ändern sich, sie gehen mit den Entwicklungen der hiesigen Zeit und Gesellschaft. Die Kinder der Pflegebedürftigen sind berufstätig oder wohnen gar nicht mehr in der Nähe. In Verbindung mit einer stark zunehmenden Multimorbidität sind Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bereits jetzt zunehmend auf stationäre Pflege- und klinische Versorgungsangebote angewiesen.

Für viele Zugewanderte kommt hinzu, dass sie die erste Generation in Bayern sind, die hier unter diesen Bedingungen alt werden. Es fehlen deshalb häufig Vorbilder, wie eine Versorgung im Pflege- und Sterbefall aussehen kann. Es gibt Sprachbarrieren und auch die Scheu, bestehende Angebote zu nutzen.

Denn wer sich mit dem Thema beschäftigt, weiß zugleich: die Schnittstelle zwischen Migrationsarbeit und Altenpflege ist noch ausbaufähig. Nötige Informationen erreichen die Zielgruppe noch nicht in ausreichendem Maß. Es fehlt vielfach nicht nur an einer zeitgemäßen interkulturellen Öffnung der Altenhilfe, die beispielsweise Pflegekräfte entsprechend sensibilisiert, sondern auch an Wissen über das hiesige Pflege- und Versorgungsangebot in der migrantischen Community.

Und auch der Umgang mit dem Tod stellt Sterbende und ihre Angehörigen vor zentrale Fragen. Tod und Trauer gehören seit jeher untrennbar zum Leben – doch die Art und Weise, wie Menschen trauern und mit Tod und Bestattung umgehen wollen, wandelt sich stetig. Individuelle Lebensentwürfe, persönliche Wünsche und die kulturelle

Vielfalt unserer postmodernen Gesellschaft stellen Religionsgemeinschaften, Bestattungsgewerbe und nicht zuletzt die Politik vor große Herausforderungen.

Daher gehört die Frage nach der Form der Beerdigung und die Frage nach dem Beerdigungsort, also hierzulande oder einer etwaigen Überführung in die „alten Heimat“, also die essentielle Frage für Menschen, „Wo gehöre ich hin?“ zum Thema Gesundheit und Pflege dazu und muss in diesem Zusammenhang mit bedacht werden. Daher brauchen wir nicht nur Aufklärung darüber, es bedarf ein modernes Bestattungsrecht, dass die unterschiedlichen kulturellen und religiösen Bedürfnisse der Bevölkerung  berücksichtigen muss. Denn aktuell hindert die in Bayern immer noch geltenden Sargpflicht viele Menschen muslimischen Glaubens daran, sich hierzulande bestatten zu lassen. Hier ist der Gesetzgeber gefragt, endlich eine Lösung zu finden die den religiösen Überzeugungen vieler Migrantinnen und Migranten entgegenkommt, wie es in einer Expertenanhärung im Bayerischen Landtag einhellig gefordert wurde und auch wir als Grüne und die SPD-Fraktion mehrfach beantragt haben.

 

Das bedeutet: wir müssen uns alle umstellen.

 

„Interkulturelle Öffnung“ in Kranken- und Pflegeeinrichtungen bedeutet letztendlich Bedarf und Angebote in Einklang zu bringen und diese im langfristigen Prozess zu etablieren. Für viele Einrichtungen bedeutet das oft genug eine große Herausforderung: in der Beratung von Betroffenen und ihren Angehörigen, in der Ausbildung und Gewinnung von Fachkräften und in der öffentlichen Information.

Das sind hohe Anforderungen, denen sich Bayern in den kommenden Jahren verstärkt stellen muss. Einige Vorstöße gibt es ja bereits, doch ich muss konstatieren, dass kultursensible Pflege lange Zeit ein politisches Randthema war.

Bereits in den 60er Jahren kamen Millionen sogenannte „Gastarbeiter“ nach Deutschland, und spätestens seit den 80er Jahren ist klar, dass die Zugewanderten bleiben werden. Sie sind längst unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger geworden, haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Integration war etwas, das im Idealfall in langjährigen Annäherungsprozessen passiert ist, aber nichts, das bewusst politisch gesteuert wurde.

Mit der Einsetzung einer Enquete-Kommission im Bayerischen Landtag „Integration in Bayern aktiv gestalten und Richtung geben“, die maßgeblich auf unsere Grüne Initiative und die der SPD-Kolleginnen zurückging, wird nun seit 2016 ndie Lebenswirklichkeit  und die Anforderungen an eine gelingende Integrationspolitik erstmals auf Landesebene grundlegend politisch beleuchtet. Ich freue mich, dass darin auch Fragestellungen der Gesundheits-, Pflege und Altenpolitik betrachtet werden und ich hoffe, das die Ergebnisse auch in den politischen Diskurs enfließen werden.

Das ist kommt sicher spät, aber besser spät als nie.

 

Doch  die Pluralität unserer Gesellschaft sollte sich auch in ihren Diensten und sozialen Einrichtungen widerspiegeln, wie bereits 2002 auf Bundesebene in dem Memorandum für eine kultursensible Altenhilfe gefordert.

Institutionen und Verbände, die sich auf dem Weg der interkulturellen Öffnung der ambulanten und stationären Altenpflege und Altenarbeit begeben, brauchen definitiv politische, fachliche sowie finanzielle Unterstützung – nicht nur von kommunaler, sondern auch von Landes- und Bundesebene.

Hier wurde bereits punktuell einiges erreicht, nicht zuletzt durch Unterstützung von Projekten wie „MiMi“ zur Gewinnung von Migrantinnen und Migranten in der Pflege oder die Projektförderung für die internationalen Angehörigentutoren des Nürnberger Vereins TIM e.V.

Von einer konsistenten Strategie sind wir jedoch noch weit entfernt. Hier braucht es eine bessere Datenlage – so wissen wir beispielsweise nicht einmal, wie viele ältere Menschen mit Migrationshintergrund derzeit in Bayern überhaupt in Einrichtungen der Altenhilfe untergebracht sind. Aber auch die Auswertung und Zusammenführung bestehender Best-Practise Beispiele wäre ein großer Schritt nach vorn.

Der eklatante Mangel an Pflegekräften stellt unzweifelhaft unser gesamtes Pflegesystem vor große Herausforderungen. Ist kultursensible Pflege und ärztliche Versorgung im Alter deshalb ein Nischenthema, dass angesichts der Gesamt-herausforderungen nicht auch noch zu stemmen ist?

Nein, denn es ist ein grundlegendes Menschenrechtsthema, dem wir uns stellen müssen. Im Zentrum unserer Sozialethik muss immer das Individuum mit seinen Belangen bzw. Interessen stehen. Die Entscheidung einer Gemeinschaft, wie sie in ihr Sozialsystem investiert, aber auch ihre politischen Normen und Regeln sind demnach nur zu rechtfertigen, wenn sie die Belange aller betroffenen Individuen berücksichtigen.

Wir, damit meine ich all die Menschen, die wir im Rahmen der Politik und somit ich in meiner Funktion als Landtagsabgeordnete zu vertreten habe unabhängig von ihrer sozialen, ethnischen und kulturellen Herkunft.

Das System Pflege insgesamt zu stärken ist also kein Widerspruch dazu, sich dem Aspekt der kultursensiblen Pflege endlich mit der Konsequenz zu widmen, der ihr angesichts der

Veränderungen in unserer Gesellschaft zukommt.

 

Nürnberg hat sich hier längst auf den Weg gemacht, wir sind hier  nicht nur was den Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund betrifft bayernweit Avantgarde.

Mit Veranstaltungen wie der heutigen Tagung des NürnbergStifts und des Zentrums für Altersmedizin des Städtischen Klinikums gehören Sie auch inhaltlich zu den bayernweiten Vorreitern, und ich hoffe, dass sich viele dieser Erkenntnisse bald auch auf landespolitischer Ebene niederschlagen.

 

In diesem Sinne viel Erfolg und eine erfolgreiche Tagung!

[1] Quelle: Vierter Bildungsbericht 2017, Nürnberg

[2] (SAN Christine Kamm 29.01.2016)

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