Frauenwahljahr 2018 – vom Fortschritt zum Stillstand!?

CANDLE-LIGHT-DINNER

Frauen feiern nunmehr seit 100 Jahren in Deutschland das aktive und passive Wahlrecht und stehen somit in politischer Verantwortung. Zusammen mit den Dekanatsbeauftragten im ev.-luth. Dekanatsbezirk Nürnberg nahm sich Verena Osgyan das Frauenwahljahr 2018 zum Anlass, um wichtige Wegmarken und deren Bedeutung für die politische Teilhabe von Frauen in den Blick zu nehmen und vor allem das (Nicht-)Erreichte zu bilanzieren.

Hier können Sie Verena Osgyans Vortrag in voller Länge nachlesen.


Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Gäste, liebe Frauen,

ich freue mich sehr, heute an dieser Stelle mit Ihnen zusammen beim Candle-Light-Dinner gemeinsam 100 Jahre Frauenwahlrecht zu feiern – bin ich doch als Landtagsabgeordnete und auch als Mitglied der Landessynode, dem Kirchenparlament der Evangelischen Landeskirche, ein direktes Produkt dieser Entwicklung. Und wir können diesen Jahrestag gar nicht genug feiern!

Für Historikerinnen sind 100 Jahre vielleicht ein Wimpernschlag, aber es sind wohl kaum mehr Frauen unter uns, die diesen Zeitraum in ihrer Lebensspanne überblicken konnten. Nachdem Frauen nunmehr seit 100 Jahren in Deutschland in politischer Verantwortung stehen, bietet das Jubiläum einen geeigneten Anlass, um wichtige Wegmarken und deren Bedeutung für die politische Teilhabe von Frauen in den Blick zu nehmen und vor allem das Erreichte zu bilanzieren.

Denn, wenn ich eine These vorwegnehmen darf: Wir stehen, auch 100 Jahre nach Einführung des aktiven und passiven Wahlrechts für Frauen noch längst nicht am Ziel, der vollen Gleichberechtigung von Frauen in Gesellschaft und Politik. Und manchmal kommt es mir immer so vor, als sei das Frauenwahlrecht eher als ein Kollateral-schaden angesehen worden, der irgendwie mit der Revolution 1918 eingetreten war. Und auch nachdem Frauen und Männer 1949 formal gleichgestellt wurden, hat es noch Jahrzehnte gedauert bis Frauen ohne die Zustimmung ihres Mannes ein eigenes Konto eröffnen durften oder der Ehemann nicht mehr den Arbeitsvertrag der Frau kündigen durfte, um nur zwei Beispiele zu nennen. Dass wir mit Angela Merkel seit 2005 eine Bundeskanzlerin haben, ist hier ein großartiges Signal und wird – Gott sei Dank! – gerade von jüngeren Männern und Frauen als ganz selbstverständlich betrachtet. Und das sollte es auch sein. Wenn wir aber zurück-blicken, wie Angela Merkel erst zur CDU-Vorsitzenden und dann zur Kanzlerkandidatin aufrückte, nachdem nahezu alle Männer der Union im Zuge der Parteispendenaffäre und anderer Ereignisse quasi verbrannt waren, zeigt sich doch, dass es manchmal immer noch besondere Umstände braucht, bis eine Frau ihre Qualitäten unter Beweis stellen darf.

Und so gesehen ist der Fortschritt manchmal eine Schnecke und Ungeduld gerade für Frauen eine politische Tugend. Daher möchte ich den heutigen Abend mit Ihnen zusammen gerne mit einem anekdotischen Rückblick und Ausblick beginnen, und anschließend mit Ihnen zusammen den Fragen nachgehen:

Haben wir wirklich schon alles erreicht?

Hat der gesellschaftliche Wandel schrittgehalten?

Was ärgert uns immer noch?

Welche Visionen haben wir für die Zukunft?

Denn, im Gegensatz zu manchen Politikern, die meinten „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, bin ich der Meinung, dass nur Visionen uns die Kraft und das Durchhaltevermögen geben, so dicke Bretter zu bohren, wie der lange Kampf um Gleichberechtigung war und auch heute noch ist.

  1. Historischer Rückblick[1]:

Die Einführung des Wahlrechts für Frauen vor 100 Jahren stellte eine wichtige Voraussetzung auf dem Weg zur Gleichberechtigung dar. Dieses Ereignis wäre aber nicht möglich gewesen ohne die Arbeit vieler Vorkämpferinnen, die bereits über 100 Jahre vorher dafür die geistigen und politischen Grundlagen gelegt haben.

Wichtige Wurzeln – Olympe de Gouges (1748-1793)

Der Diskurs über die politische Partizipation der Frau setzte im 18. Jahrhundert in der Zeit der Aufklärung und der Französischen Revolution ein. Die Schriftstellerin Olympe de Gouges (1748-1793) formulierte im Zuge der Französischen Revolution die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“, worin sie in Artikel 1 festhielt: „Die Frau ist frei geboren und bleibt dem Manne ebenbürtig in allen Rechten.“

Sie forderte das Wahlrecht für Frauen und die gleichberechtigte Teilhabe an der politischen Gestaltung des Landes, jedoch erfolglos. Ihr Kampf für die Gleichberechtigung kostete sie letztlich den Kopf![2]

1.1 Die Anfänge der Frauenbewegung

Eine andere wichtige Wurzel für die Forderung nach Gleich-berechtigung lag in der fortschreitenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Diese führte zu einer Veränderung der bürgerlichen Familienstrukturen und zu einer zunehmenden Verelendung des Proletariats, womit auch für Frauen das Problem der Existenz-sicherung immer dringlicher wurde. Im Zuge dieser Entwicklung entstanden in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern Frauenrechtsbewegungen unterschiedlicher politischer Prägung.

Im Rahmen der Revolution von 1848/49 griffen bürgerliche Frauen wie beispielsweise die Publizistin und Philosophin Luise Dittmar (1807-1884) oder die Journalistin Mathilde Franziska Anneke (1817-1884) das Postulat der politischen Gleichberechtigung der Frau auf. Jedoch wurden zur Wahl der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche gemäß dem Zensuswahlrecht nur Männer ab 25 Jahren zugelassen.

Mit der Gründung der „Frauen-Zeitung“ gelang es Louise Otto (1819-1895) im April 1849, ein öffentliches Forum für die Frauenfrage zu schaffen. Mit diesem Sprachrohr verfolgte sie zwei Ziele: die Demokratisierung der Gesellschaft und die Anerkennung der bürgerlichen Rechte der Frau.

Mit dem Scheitern der demokratischen Revolution von 1848/49 fand auch der kurze frauenpolitische Aufbruch sein jähes Ende, denn 1850 wurde Frauen die Mitgliedschaft in politischen Vereinen und Verbänden verboten.

Darüber hinaus wurden auch aufgrund der restriktiven Pressegesetze die bisher erschienenen Frauenzeitungen untersagt bzw. eingestellt.

Louise Otto – Peters fand daraufhin einen geschickten Ausweg, das Gesetz zu umgehen, sie ließ ihre Zeitschrift von Gera aus und zwar von einer Redaktion mit männlichen Kollegen herausbringen.[3]

In Deutschland entwickelten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bzw. in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts drei wesentliche Strömungen der Frauenbewegung:

  • die bürgerlich – gemäßigte Frauenbewegung, angeführt von Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt (1833-1902) mit dem von ihnen gegründeten Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF). Ihr Engagement galt vor allem der Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten und der Frauenerwerbstätigkeit.

 

  • die bürgerlich – radikale Frauenbewegung geleitet von Minna Cauer (1841-1922) und Anita Augspurg (1857-1943), die 1902 den Deutschen Verband für das Frauenstimmrecht gründeten. Sie setzten sich vor allem für den Erhalt des Frauenstimmrechts und die staatsbürgerlichen Rechte ein.

 

  • die sozialistische Frauenbewegung, an deren Spitze Clara Zetkin (1857-1933) stand. Sie verfolgte jedoch im Unterschied zu den beiden erstgenannten Strömungen ein anderes Konzept, um die Emanzipation der Frau zu erreichen: Diese sollte nicht durch die Reform der bürgerlichen Gesellschaft, sondern durch Revolution erlangt werden und damit verstand Zetkin die sozialistische Frauenbewegung als Teil der sozialistischen Arbeiterbewegung. Eine Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Strömungen wurde deshalb abgelehnt.

Im Kern setzten sich die Frauen, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Herangehensweisen, für folgende Ziele ein:

  • das Recht auf Erwerbsarbeit, auf Bildung und das Wahlrecht. Vor allem durch das Recht auf politische Teilhabe erhofften sie sich, eine Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Situation erreichen zu können.

1.2 Formierung der organisierten Frauenbewegung

Mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins von 1865 hatte sich die organisierte Frauenbewegung zu formieren begonnen. Schließlich gelang im Jahr 1894 mit dem Zusammenschluss zum Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) nicht nur die internationale Einbindung, sondern auch die organisatorische Einigung der deutschen Frauenbewegung.

1896 dynamisierte sich die Frauenbewegung, denn im Reichstag stand die Verabschiedung des neuen Bürgerlichen Gesetzbuches an. Der Entwurf schrieb erneut die zivilrechtliche Benachteiligung der Frau fest und hielt fest, dass der Ehemann die Vormundschaft über die Ehefrau weiterhin behalte. Diese erneute Diskriminierung der Ehefrau gegenüber dem Ehemann rief bei den engagierten Frauen eine umfangreiche Protestwelle hervor, die in der Presse ironisch als „Frauenlandsturm“ bezeichnet wurde. Dieser Protest und die damit zusammenhängende Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit löste einen immer größeren Zulauf aus und die Mitgliederzahl der Frauenorganisationen und -vereine stieg rasant an. Der Bund Deutscher Frauenvereine wies um die Jahrhundertwende ca. 70.000 Mitglieder auf und am Ende des Kaiserreichs bereits 380.000. Daneben entstanden zahlreiche weitere Frauen(berufs)verbände. 1899 formierte sich der Deutsch-Evangelische Frauenbund und 1903 folgte in Köln die Gründung des Katholischen Frauenbundes Deutschland.

Im bildungspolitischen Bereich gelang es der Frauenbewegung mittlerweile wichtige Teilerfolge zu erzielen. In Berlin konnten 1896 die ersten Frauen ihr Abitur ablegen. An den Universitäten Berlin und Göttingen wurden Frauen mit Genehmigung des Unterrichts- ministers als Gasthörerinnen zu Veranstaltungen zugelassen. In Baden konnten sich Frauen erstmals an einer Universität immatrikulieren und 1903 öffneten sich für sie auch in Bayern die Universitäten. Hingegen durften in Preußen Frauen erst ab 1908 studieren.

1.3 Der lange Weg zum Frauenwahlrecht

Das neue Reichsvereinsgesetz von 1908 stellte einen wichtigen Meilenstein für die Frauenbewegung dar, denn es erlaubte Frauen die Mitgliedschaft in politischen Vereinen. Sie konnten endlich Parteien beitreten und die Forderung nach dem Frauenwahlrecht erhielt neuen Auftrieb.

Am 19. März 1911 fand der erste Internationale Frauentag statt und stand wie in den Folgejahren auch ganz im Zeichen des zentralen Themas Frauenwahlrecht. An diesem Tag fanden in verschiedenen deutschen Städten viele öffentliche Straßenumzüge statt und auf verschiedenen Veranstaltungen Petitionen für das Frauenstimmrecht verfasst. Neben Berlin und Hamburg gehörte damals auch München zu den Zentren der bürgerlichen Frauenbewegung. So fand anlässlich des Frauenstimmrechts-kongresses 1912 erstmals eine Demonstration in München statt, die von den beiden führenden Frauenrechtlerinnen Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann organisiert wurde.

Exkurs: Anita Augspurg
Anita Augspurg stand aufseiten des radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung. Sie lehnte eine Politik der kleinen Schritte ab und befürwortete leidenschaftlich die militanten Strategien der englischen Suffragetten.

Die Feministin kämpfte für eine europäische Friedenspolitik und tarnte ihre Versammlungen als Teestündchen. Mit zahlreichen Initiativen, Zeitschriften und Vereinen stritt Anita Augspurg in der Kaiserzeit für die Freiheit der Frauen und den Frieden auf Erden.

Sie gründete 1894 die Gesellschaft zur Förderung der geistigen Interessen der Frauen, 1899 den Verein Frauenwohl und 1904 den Weltbund für Frauenstimmrecht.

Anita Augspurg selbst ging stets ihren eigenen Weg. Ursprünglich Lehrerin, studierte sie – nach weiteren Ausbildungen zur Schauspielerin und zur Fotografin – in Zürich Jura. Sie wurde die erste promovierte deutsche Juristin überhaupt. Ihr Spezialgebiet war das Familienrecht. Da im Kaiserreich allein der Ehemann über Vermögen, Wohnort und Berufstätigkeit seiner Frau entschied, forderte Augspurg öffentlich einen Eheboykott seitens der Frauen. Wer sich unbedingt mit einem Manne verbinden wolle, solle dies in „freier Ehe“ tun, also ohne Trauschein. Mit diesem Appell löste sie einen Skandal aus. Sie selbst lebte nur mit Frauen, mehr als vier Jahrzehnte mit der gebürtigen Hamburgerin Lida Heymann.

1923 beantragen Augspurg und Heymann beim bayerischen Innenminister die Ausweisung Adolf Hitlers wegen Volksverhetzung. So geraten sie früh auf die Todesliste der Nazis. Von einer Auslandsreise im Frühjahr 1933 kehren sie in weiser Voraussicht nicht zurück.[4]

Im Verlauf des Ersten Weltkriegs musste Frauen immer mehr gesamt-gesellschaftliche Aufgaben übernehmen und mit ihrer Arbeit vor allem auch das wirtschaftliche Leben gewährleisten. Ihre Forderungen nach politischer Teilhabe konnten somit nicht länger ignoriert und der Ausschluss der Frauen vom Wahlrecht nicht mehr mit geschlechtsspezifischen Unterschieden begründet werden, denn ihre Partizipation war für die Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens unverzichtbar.

Die politische Lage in Bayern spitzte sich so zu, dass die königlich bayerische Regierung mit den im Landtag vertretenen Parteien am 2. November 1918 noch durch ein Reformabkommen versuchte, die Krise zu entschärfen und so einigte man sich auf die Einführung des Verhältniswahlrechts und des allgemeinen gleichen Wahlrechts für Männer und Frauen sowie der parlamentarischen Monarchie. Doch die Reformen kamen zu spät und am 7. November 1918 beendete unter der Führung des USPD-Politikers Kurt Eisner die Revolution nach 738 Jahren die Herrschaft der Wittelsbacher in Bayern.

Kurt Eisner rief daraufhin die Republik aus und kündigte Parlamentswahlen. Zugleich erhielten Frauen das aktive und passive Wahlrecht und Bayern war der erste Staat in Deutschland, der die Republik verkündete und den Frauen das Wahlrecht erteilte. Am 12. November 1918 folgte Berlin mit der Proklamation des Frauenwahlrechts auf Reichsebene und Deutschland gehörte neben Österreich, Polen, Luxemburg u.a. zu den Ländern, die nach dem Ersten Weltkrieg das Frauenwahlrecht einführten. Finnland hatte es bereits 1906 als erstes Land in Europa verliehen.

 

1.4. Endlich am Ziel? Frauen werden zur Wahl aufgerufen

Viele Frauen in Bayern, nach jahrzehntelangem Kampf für das Frauenwahlrecht endlich am Ziel, beteiligten sich begeistert am neuen politischen Leben. So nahmen am 18. November 1918 engagierte Frauen, unter ihnen auch die beiden bekannten Frauenrechtlerinnen Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann, die bereits 1902 den Deutschen Verband für Frauenstimmrecht ins Leben gerufen hatten und 1904 auch zu den Gründungsmitgliedern des Weltbundes für das Frauenwahlrecht in Berlin gehörten, an einer Versammlung im Wagnersaal in München teil und erklärten sich zur politischen Mitarbeit am Aufbau der Republik bereit.

Im Provisorischen Nationalrat, der bis zur Wahl des ersten demokratischen Landtags die Interessen des Volkes wahrnehmen sollte, waren unter den 256 Mitgliedern auch acht Frauen vertreten: Hedwig Kämpfer, Aloisa Eberle, Helene Sumper, Marie Sturm, Luise Kiesselbach, Emilie Mauerer, Rosa Kempf und Anita Augspurg . Das entsprach einem Anteil von 3,1 %.

Bereits am 5. Dezember 1918 wurde der Wahltermin für den ersten demokratischen Landtag am 12. Januar 1919 bekannt gegeben. So fiel der Wahlkampf zwar kurz, aber intensiv aus und es kam nun darauf an, die Frauen in Wahlveranstaltungen zu überzeugen, ihr Wahlrecht auszuüben.

„Mit Rucksäcken beladen, die das erforderliche Propagandamaterial und eine Glocke enthielten durchwanderten Frauen die Gegend von Dorf zu Dorf. Mit der Glocke wurde mächtig geklingelt, um die Bevölkerung in Schule und Wirtshaus zur Versammlung zu laden (…) Sie (die Frauen) zeigen großes Interesse, richteten sachliche Fragen an die Rednerinnen, über Ehe und Erziehungsrecht der Frau sowie ihre ökonomische Stellung im Staat.“

Die verschiedenen Veranstaltungsangebote und auch eine deutschlandweit angelegte Aktion der Publikation der „10 Gebote zum Wahlrecht“ des Bundes deutscher Frauenvereine in verschiedenen Zeitungen für die anstehenden Landtags- und Reichstagswahlen zeigten die erwünschte Wirkung. So beteiligten sich am 12. Januar an den Landtagswahlen in Bayern 87,9 % der Frauen und 87 % der Männer.

 

1.5 Der erste demokratische bayerische Landtag 1919

Im ersten demokratisch gewählten Bayerischen Landtag betrug der Frauenanteil 4,4 %. Unter den 180 Abgeordneten waren auch 8 Frauen vertreten. Davon gehörten vier der BVP und jeweils zwei der SPD und der DDP an: Ellen Ammann (BVP), Aloisa Eberle (BVP), Maria Freifrau von Gebsattel (BVP), Therese Schmitt (BVP), Käthe Günther (DDP), Dr. Rosa Kempf (DDP), Aurelie Deffner (SPD) und Emilie Mauerer (SPD).

Insgesamt waren zwischen 1918 und 1933 19 Frauen im Bayerischen Landtag vertreten, wobei davon fünf Frauen nur im Provisorischen Nationalrat Mitglied waren. Die Parlamenta-rierinnen der ersten Demokratie in Bayern gehörten folgenden Parteien an: BVP, Bayerischer Mittelpartei (BMP), DDP, SPD und KPD. Die Vertreterinnen der bürgerlichen Parteien gehörten überwiegend dem Bildungsbürgertum an und waren größtenteils Lehrerinnen. Die Sozialdemokratinnen und Kommunistinnen entstammten der Arbeiterschaft und waren auch selbst überwiegend als Arbeiterinnen tätig. Trotz der relativ überschaubaren Anzahl nahmen die Parlamentarierinnen mit großem politischem Engagement ihr Mandat wahr.

Sie setzten sich konsequent und nachhaltig für Bildung, Gesundheit und Soziales ein, indem sie sich über die Fraktionsgrenzen hinweg für die Verbesserung der rechtlichen Stellung der Frau, der Mädchen- und Frauenbildung, der Erwerbstätigkeit von Frauen und der Zulassung von Frauen bei Gericht als Schöffen sowie für die Gleichberechtigung stark machten. Sie kämpften auch erfolgreich für die Anstellung von Ärztinnen, die Kriegsheimkehrern weichen sollten. Die parlamentarischen Pionierinnen behaupteten sich aber auch in den „harten“ Politikfeldern und engagierten sich häufig in zentralen Ausschüssen wie für Verfassungsfragen, Staatshaushalt, Finanzen oder Wirtschaft.

Exkurs: Ellen Ammann[5]

Ellen Aurora Elisabeth Morgenröte Ammann, 1870 in Schweden geboren, 1932 in München gestorben, war eine besonders bemerkenswerte Parlamentarierin. Sie hat den aufkommenden Nationalsozialismus in München bekämpft (vor allem wegen ihres Widerstandes gegen den Hitler-Putsch), sie war eine der ersten weiblichen Landtagsabgeordneten und Mitbegründerin des Bayerischen Frauenbundes und Landtagsabgeordnete.

Ellen Ammann muss als eine Wegbereiterin der modernen Sozialarbeit gelten. Sie hat die erste katholische Bahnhofsmission in München gegründet und auch noch mehr als 20 Jahre selbst geleitet.

Einen leichten Stand hatte sie nicht, als zwar katholisch erzogene, aber evangelisch getaufte Ausländerin, die sich noch dazu für die Belange von Frauen einsetzte. In München wurde Ammann dennoch zur Wegbereiterin der modernen Sozialarbeit.

1904 gründete Ammann den Münchner Zweig des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB), um politisch für die Rechte von Frauen einzutreten; 1911 folgte der bayerische Landesverband. Zudem gründete sie 1909 die „Soziale und Caritative Frauenschule“

Es war die Landespolitikerin Ellen Ammann, die am frühen Abend des 8. November 1923 zufällig von den Putschplänen der Nationalsozialisten erfahren hatte. Sie griff sofort zum Telefonhörer, verständigte alle Mitglieder der Regierung sowie der Bayerischen Volkspartei (BVP), die sie erreichen konnte, und die noch nicht von den Putschisten verhaftet worden waren. Den stellvertretenden Ministerpräsidenten Franz Matt benachrichtigte einer ihrer Söhne gar mit dem Fahrrad.

Ammann bat die Politiker in die von ihr gegründete Frauenschule in der Theresienstraße. Dort hielten sie Kriegsrat; noch am selben Abend erklärten sie in einer Regierungserklärung den Putsch zum Staatsverbrechen.

Ammann sorgte dafür, dass Einheiten der Reichswehr nach München verlegt wurden. Und sie organisierte ein Auto, das die Regierung in ein Ausweichquartier nach Regensburg brachte. Hätte Amman gezögert, die Politiker um Franz Matt wären wohl von den Nationalsozialisten überrascht worden. Und der Putschversuch Hitlers hätte womöglich ein anderes Ende genommen.

In der Nacht auf den 23. November 1932 starb sie im Alter von 62 Jahren nach einer erschöpfenden Debatte über die Lage kinderreicher Familien an einem Gehirnschlag.

Ellen-Ammann-Preis[6]
An Ellen Amman erinnert heute der Ellen Amman Preis, den der Katholische Deutsche Frauenbund seit 2015 jährlich auslobt, und in dem ich die letzten Jahre mit in der Jutry sass. Der Ellen-Ammann-Preis zeichnet einzelne Frauen aus, die wie Ellen Ammann neue Wege für die Verbesserung der Lebensumstände von Frauen eröffnet haben, in ihrem Engagement Grenzen überschritten haben und sich mit Beharrlichkeit für ihre Projektziele eingesetzt haben. Auch wenn Frauen in Initiativ- oder Gründungssituationen überwiegend im Team agieren, so braucht es doch immer eine charismatische Frau als Triebfeder. Solche Frauen will der Ellen-Ammann-Preis hervorheben, ihr Tun ins Licht rücken, ihnen die gebührende Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Preisträgerin 2017 war u.A. Fadumo Korn, die sich mit Ihrer Gruppe Nala gegen die Genitalverstümmelung junger Mädchen und Frauen einsetzt.

 

1.6 Der Bruch: Die NS-Herrschaft

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 beendete die aktive politische Teilhabe von Frauen und stellte einen massiven Rückschritt in der bis dahin erfolgte Entwicklung der praktizierten Partizipationsmöglichkeiten von Frauen dar.

Die NSDAP hatte schon 1921 in ihren Parteistatuten beschlossen, dass Frauen weder Mitglieder der Parteiführung noch Mitglieder leitender Ausschüsse werden konnten. Vielmehr sahen die Nationalsozialisten für Frauen die Rolle als Mutter und Hausfrau als „wesensbestimmt“ vor. Es gab aber auch viele Frauen, die die „politische Wende“ begrüßten und die NSDAP unterstützten. Sie sahen ihre Zeit gekommen für eine Abrechnung mit der bürgerlichen Frauenbewegung und dem Sozialismus sowie dem Kommunismus.[7]

Der Bund Deutscher Frauenvereine löste sich frühzeitig, 1933, selbst auf, um der Gleichschaltung zu entgehen. Anlass der Auflösung war die Aufforderung der Reichsfrauenführerinnen der NS-Frauenschaft, Lydia Gottschewski, sich in die „Deutsche Frauenfront“ einzureihen. Die Vorsitzende des BDF, Agnes von Zahn-Harnack, wurde in einer Besprechung von Lydia Gottschewski über die Bedingungen einer Aufnahme in die „Deutsche Frauenfront“ informiert. Folgende Bedingungen wurden dem BDF gestellt, die das Protokoll der Gesamt Vorstandssitzung des BDF vom 15. Mai 1933 („vertraulich!“) hierzu festgehalten hat: [8]

  1. Bedingungslose Unterstellung unter den Führer der NSDAP.
  2. Anerkennung der Aufgaben, die der nationalsozialistische Staat den Frauen stellt.
  3. Entfernung nicht-arischer Mitglieder aus den Vorständen.
  4. Wahl der nationalsozialistischen Frauen in die prominenten (herausragenden) Positionen.

Der BDF beschloss mit sofortiger Wirkung (eine Gegenstimme) die Selbstauflösung und konnte sich dabei auf formale Gründe berufen, da die BDF-Satzung keinen Anschluss an eine andere Organisation erlaubte und in seinen Grundsätzen die Überparteilichkeit bzw. „parteipolitische Neutralität“ verankert war. Ihre Vertreterinnen haben keineswegs – wie häufig der Anschein erweckt wird – kampflos aufgegeben.

Die Selbstauflösung des Bundes Deutscher Frauenvereine bedeutete das Ende einer eigenständigen Frauenbewegung in Deutschland und die Lösung aus internationalen Verflechtungen, z.B. aus dem International Council of Women (= ICW).

Schließlich verloren die Frauen nach 1933 die viele ihrer hart erkämpften Rechte: Ihnen wurde das passive Wahlrecht genommen und die Zulassung zur Habilitation an Universitäten und Hochschulen. Die Zahl der Studentinnen wurde auf 10% beschränkt. Weiterhin wurden Frauen nicht mehr neu zum Beruf als Richterin und als Rechtsanwältin zugelassen. Auf Antrag durften sie u.U. als Büroarbeiterinnen im gehobenen mittleren Dienst eingestellt werden.

Demgegenüber wurde die sich seit Anfang dieses Jahrhunderts in der deutschen Frauenbewegung bereits immer stärker vollziehende Betonung und Wertschätzung des Hausfrauen- und Mutterberufes von der nationalsozialistischen Regierung mit ganzer Vehemenz und Einseitigkeit verfolgt. Die Frauen konnten nur als Mütter und Hausfrauen Ansehen und Wertschätzung erwerben. Hitlers Bezeichnung des Wochenbettes als „das Schlachtfeld der Frau“ ist hierfür symptomatisch.

1.7 Demokratischer Neubeginn nach 1945

Nach 1945 bot sich den Frauen mit dem politischen Neubeginn eine historisch einzigartige Chance. Frauen wurden zu einem politisch gewichtigen Faktor, denn kriegsbedingt gab es in Deutschland mehr Frauen als Männer. Als „Stunde Null“ im Sinne eines Neuanfanges, wie das Ende des Zweiten Weltkrieges auch genannt wird, kann 1945 für Frauen dennoch nicht bezeichnet werden, denn sie konnten die Wirkungen des Krieges nicht einfach „abschütteln“.

Nicht nur die psychischen Auswirkungen waren präsent, ihre faktischen  Lebenslagen waren durch den Krieg geprägt, und zwar stärker als bei den Männern: Die hohe Zahl der männlichen  Kriegsgefallenen und -Vermissten sowie in Kriegsgefangenschaft sich befindender Männer hatte das quantitative Verhältnis zwischen den Geschlechtern damals – vor allem in bestimmten Altersgruppen – völlig verschoben.[9]

Viele Frauen nahmen aber ihr politisches Engagement, das sie bereits vor 1933 ausgeübt hatten, wieder auf. Ein Teil von ihnen begründete die politische Tätigkeit mit dem Verantwortungsgefühl und der Notwendigkeit, die männlich geprägte Politik, gerade vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit dem Dritten Reich, jetzt beim Neubeginn mit weiblichen Eigenschaften und Sichtweisen zu ergänzen und damit zum Gelingen der Demokratie beizutragen.

„Ich sehe gerade in der Ausschaltung des weiblichen Einflusses in der Politik eine der Ursachen unseres heutigen Zusammenbruchs. (…) Wir müssen uns der Mühe und des Opfers des politischen Kampfes unterziehen“, so die Überzeugung von Maria Probst (CSU). Sie gehörte zu den fünf Pionierinnen des ersten bayerischen Nachkriegslandtags und stieg ab 1949 zu einer der wichtigsten Nachkriegspolitikerinnen des Deutschen Bundestags auf.

Auch führte sich die Bewegung der Frauenvereine fort. Schon 1945 entstanden in Ost und West die ersten – zunächst regional begrenzten – Frauenverbände, zumeist Nachfolgeorganisationen aus der Zeit vor 1933, z.B. 1945 der „Berliner Frauenbund 1945 e.V.“ und die „Antifaschistischen Frauenausschüsse“, 1946 die „Arbeitsgemeinschaft katholischer Frauenverbände und -gruppen“, 1947 der Deutsche Staatsbürgerinnenverband sowie der Juristinnenverband, 1948 der Deutsche Landfrauenverband. Die Aufnahme der Arbeit einer Frauenvereinigung war damals abhängig von der Zustimmung der Besatzungsmächte, die jede Art von Verbandsgründung streng und skeptisch überwachten.

Doch mit der unterschiedlichen ökonomischen und sozialen Lage und der Entwicklung der vier Besatzungszonen sowie durch deren verschiedene politische Anbindung an die jeweiligen Siegermächte beginnen sich schon bald die Interessenvertretungen für die Frauen „auseinanderzudividieren“.

1947 schlossen sich einige Frauenbände zum „Demokratischen Frauenbund Deutschland“ zusammen. In den drei westlichen Besatzungszonen und in West-Berlin wurde 1949 der „Deutsche Frauenring e.V.“ (DFR) in Bad Pyrmont gegründet als Dachverband der verschiedensten konfessionellen, berufsständischen, kulturellen Frauenverbände. Er verstand sich selbst als Nachfolger des „Bundes Deutscher Frauenvereine“ von 1894.

1.8 Waschkorbweise Post für die Gleichberechtigung[10]

Die Frauenverbände und viele engagierte Einzelpersonen wollten nun die Chance des Neuanfangs nutzen, um auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau und damit auf eine veränderte Gesellschaftspolitik hinzuwirken. Schließlich gelang es Elisabeth Selbert (SPD) in Zusammenarbeit mit ihren drei Mitstreiterinnen Frieda Nadig (SPD), Helene Weber (CDU) und Helene Wessel (Zentrum), im Parlamentarischen Rat nach langem Ringen die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Grundgesetz festzuschreiben. Dies war wahrlich kein Selbstläufer.

„Frauen und Männer sind gleichberechtigt“ – so lautet Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes. Formuliert wurde damit im Jahr 1949 ein Programm, nicht eine Aussage über die Realität. Seiner Verankerung im Grundgesetz gingen heftige Diskussionen voraus. Ohne das Engagement der vier Frauen, der sogenannten Mütter des Grundgesetzes im Par­lamentarischen Rat und der vielen Frauen, die sich in der Öffentlichkeit für die volle Gleichberechtigung starkmachten, wäre es zu dieser Formulierung nicht gekommen.

Zwischen dem 10. und dem 23. August 1948 tagte auf Schloss Herrenchiemsee ein vorbereitender Verfassungskonvent, der die Richtlinien für das Grundgesetz eines „Bundes Deutscher Länder“ auf föderalistischer und liberaler Grundlage entwarf. Der 95 Seiten umfassende Abschlussbericht bildete die Arbeitsgrund­lage für die Beratungen des Parlamentarischen Rates. Dem Parlamentarischen Rat gehörten 65 Abgeordnete an, die von den Landtagen gewählt wurden. Dass zu diesen 65 Vertretern des Volkes nur vier Frauen gehörten, ist möglicherweise ein Überrest politischen Denkens aus der Zeit des Nationalsozialismus: Politik und Öffentlichkeit wurden zur „Männersache“ erklärt; Frauen wurde die Sorge um Heim und Familie zuge­wiesen. Insbesondere die Diskussion um Art. 3 Absatz 2 des Grundgesetzes sollte diese überkommene Sichtweise verändern.

Ein kleiner fiktiver Dialog aus den Gründungstagen der Bundesrepublik:[11]

„Sag mal, Carlo, ich finde in den Herrenchiemsee-Protokollen gar nichts zu der Frage der Gleichberechtigung. Wann habt ihr das denn besprochen?“ So fragt Elisabeth Selbert, damals 51, Rechtsanwältin aus Kassel, ihren berühmten Parteikollegen. Die Beratungen auf der Insel Herrenchiemsee, die bis zum 23. August 1948 gedauert haben, sind zu Ende, am 1. September tritt in Bonn der Parlamentarische Rat zusammen, der auf der Basis des Herrenchiemsee-Entwurfs das Grundgesetz formuliert. Carlo Schmid und Elisabeth Selbert sind beide für die SPD Abgeordnete im Parlamentarischen Rat.

Carlo Schmid druckst nicht lange herum: „Wann wir die Gleichberechtigung besprochen haben? Gar nicht, waren ja nur Herren anwesend.“ Aber der Staatsrechtler aus Württemberg räumt ein: „Die Frauenrechte sind auf dem Stand der Jahrhundertwende, und wenn sich da was ändern soll, brauchen wir eine neue Formulierung im Grundgesetz. Lass es mich doch bitte wissen, wenn Du einen konkreten Entwurf hast.“ Das klingt ein wenig gönnerhaft. Aber Elisabeth Selbert lässt sich nicht lange bitten. „Den habe ich“, sagt sie: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

Ob sich der Dialog wirklich so abgespielt hat? Er könnte sich jedenfalls so abgespielt haben. Ein Fernsehfilm über Elisabeth Selbert hat ihn so nachgezeichnet. (Heribert Prantl, SZ)

Elisabeth Selbert (Mitglied der SPD) stellte den Antrag auf diesen neu zu formulierenden Artikel 3, der zunächst im Hauptausschuss des Parlamentarischen Rates von der Mehrheit abgelehnt wurde. Nach Ablehnung der Selbertschen Formulierung „Frauen und Männer sind gleichberechtigt“ in der Sitzung des Grundsatzausschusses am 30. November 1948 musste die Frage der Gleichberechtigung im Hauptausschuss erneut verhandelt werden. Elisabeth Selbert begründete den Antrag persönlich und redete den Vätern des Grundgesetzes ins Gewissen: „Die Frau, die während der Kriegsjahre auf den Trümmern gestanden und den Mann an der Arbeitsstelle ersetzt hat, hat heute einen moralischen Anspruch darauf, wie ein Mann bewertet zu werden.“

Doch auch im Hauptausschuss wurde am 3. Dezember 1948 die Formulierung mit elf zu neun Stimmen erneut abgelehnt.

Zwischen Dezember 1948 und Januar 1949 initiierte Selbert daher einen breiten öffentlichen Protest, eine der wenigen öffentli­chen Aktionen zur Grundrechtsdebatte. Sie selbst zog selbst wie eine Wanderpredigerin durchs Nachkriegsdeutschland, sie mobilisierte Frauengruppen, Gewerkschaften, Betriebsrätinnen und die weiblichen Abgeordneten der Landesparlamente. Die Frauen aller Landtage meldeten sich beim Parlamen­tarischen Rat, nur die aus Bayern nicht. „Waschkorbweise“ sollen Resolutionen, Briefe und Stellungnahmen in Bonn eingetroffen sein; sie sind leider nicht erhalten.

Selbert und Nadig gelang es nun, ihre beiden Mitstreiterinnen im Rat, Helene Weber und Helene Wessel, zu überzeugen und schließlich gemeinsam alle Mitglieder des Parlamentarischen Rates.

Am 18. Januar 1949 wurde der Gleichheitsgrundsatz in der Sitzung des Hauptausschusses einstimmig angenommen und im Grundgesetz verankert. Der Parlamentarische Rat verabschiedete am 8. Mai 1949 mit 53 zu 12 Stimmen das neue Grundgesetz. Nachdem die drei Westmächte ihre Zustimmung gegeben hatten und auch die Bundesländer zugestimmt hatten, wurde das Grundgesetz am 23. Mai 1949 verkündet und galt für West­deutschland.

1.9 Die vier „Mütter des Grundgesetzes“[12]

Die vier „Mütter des Grundgesetzes“, Elisabeth Selbert, Helene Wessels (Zentrum), Helene Weber (CDU) und Friederike Nadig (SPD), haben sich engagiert für die Durchsetzung des Gleichberechtigungsgrundsatzes eingesetzt. Mit Hilfe der Öffentlichkeit, an die sie sich wandten, setzten sie sich schließlich durch, wenn zunächst auch erst eine Übergangsregelung geschaffen wurde. So wurde im Artikel 117 des Grundgesetzes eine Frist bis zum 31. März 1953 gesetzt, bis zu der die gesetzlichen Bestimmungen, die der Frau nicht das gleiche Recht wie dem Manne gewährten, verändert werden sollten. Gleichzeitig (1950) wurde auf Beschluss der Bundesregierung mit Billigung aller Parteien des Bundestages ein Frauenreferat im Bundesministerium des Innern geschaffen, das beauftragt war, den Frauen bei der Überwindung kriegsbedingter Notstände und bei der praktischen Verwirklichung der Gleichberechtigung zu helfen. Der Deutsche Frauenring hatte diese Entwicklung mit beeinflusst.

Wie wir aber später sehen werden, war die praktische Umsetzung des Artikels 3 im Grundgesetz auch nach dieser Übergangsfrist jahrzehntelang nicht der Fall.

1.10. „Farbtupfer in den Parlamenten“ – der bayerische Landtag bis in die 80er Jahre[13]

Am demokratischen Wiederaufbau in Bayern arbeiteten Frauen politisch tatkräftig mit. Sie sahen darin nicht nur eine Chance, sondern auch eine Verpflichtung. Ihr politisches Engagement wurde in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht nur gewünscht und gefördert, es wurde vor allem gebraucht. Das traditionelle Frauenbild spielte kurzfristig und vorübergehend keine Rolle. Sechs weiblichen Abgeordneten gelang es, in die Verfassunggebende Landesversammlung einzuziehen. Im ersten Nachkriegslandtag von 1946 bis 1950 konnten fünf Politikerinnen ein Mandat erringen: Maria Deku, Franziska Gröber, Maria Probst und Zita Zehner, alle CSU, sowie die Sozialdemokratin Friedl Schlichtinger.

Die amerikanische Militärregierung förderte die Partizipation der Frauen am politischen Leben und forderte, dass Frauen in Parteien wie auch in verschiedenen kommunalen und landespolitischen Gremien vertreten waren, zum Beispiel war es selbstverständlich, dass Frauen bei der ersten Nachkriegslandtagswahl ganz selbstverständlich direkt für einen Stimmkreis kandidieren und nicht nur über die Wahlliste in den Bayerischen Landtag einziehen konnten.

Diese kurze Zeit des politischen Aufbruchs währte jedoch nicht lange. Mit der zunehmenden Rückkehr zur Normalität, der Wiederbelebung der Wirtschaft mit der Währungsreform von 1948 und dem in den 1950er-Jahren einsetzenden Wirtschaftswunder sowie der Heimkehr vieler Kriegsgefangener mussten die Frauen wieder in die zweite Reihe zurücktreten. Bei den Landtagswahlen von 1950 zog keine Frau mehr als Stimmkreiskandidatin, sondern nur noch über die Wahlliste ins bayerische Parlament ein. Obwohl der Frauenanteil im ersten Nachkriegslandtag nur 2,4 % betrug, war es den wenigen Politikerinnen gelungen, wichtige politische Entscheidungen anzustoßen und mitzugestalten.

Zu den Erfolgen ihrer Politik gehörten beispielsweise die Erhöhung staatlicher Erziehungsbeihilfe und Invalidenrente, die Gewährung von Blindengeld, die Einführung von Renten für Kriegswitwen und Waisen, die Stärkung der Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, der Wohnungsbau Wohnungsbau für Flüchtlinge und Ausgebombte sowie die Förderung begabter Kinder aus sozial schwachen Familien.

Trotz der politischen Errungenschaften, die die damaligen Politikerinnen erzielen konnten, stellten sie nicht nur in Bayern, sondern auch auf Bundesebene bis in die 1970er-Jahre eine überschaubare Gruppe dar. In den Medien wurde von „Farbtupfern in den Parlamenten“ gesprochen. Aufgrund ihrer Unter-repräsentanz konnten sie damals überwiegend nur in ausgewählten „frauentypischen“ sog. weichen Politikfeldern wie Soziales, Gesundheit und Bildung mitgestalten.

Exkurs: Frauenanteil im Bayerischen Parlament seit 1946

Der Frauenanteil, der 1946 nur 2,4 % betrug (fünf Abgeordnete), erhöhte sich nur langsam und pendelte sich 1970 exakt bei 16 Frauen (7,8 %) ein. Die erste Frau in einer Staatsregierung war Mathilde Berghofer-Weichner (CSU, 1931-2008, Justizministerin 1986-1993), 1974 von Ministerpräsident Alfons Goppel (CSU, 1905-1999, Ministerpräsident 1962-1978) zur Staatssekretärin im Kultusministerium ernannt. Zwölf Jahre später wurde sie im dritten Kabinett von Franz Josef Strauß (CSU, 1915-1988, Ministerpräsident 1978-1988) die erste Frau im Ministerrang. Der Einzug der Grünen ins Parlament 1986 brachte eine schlagartige Erhöhung des Frauenanteils, denn von ihren 15 Sitzen nahmen neun Frauen ein. Damit stieg die Quote von 7,8 % auf 13,2 % (27). Auch bei CSU und SPD ist in den Folgejahren der Anteil der Frauen kontinuierlich gewachsen. In der 16. Wahlperiode gibt es 58 Frauen (31 %) im Landtag. Erstmals in der bayerischen Parlamentsgeschichte stand seit 2008 mit Barbara Stamm (CSU, geb. 1944) eine Frau an der Spitze des Landtags. Ihr folgte im November 2018 Ilse Aigner (CSU, geb. 1964). In der aktuellen 18. Wahlperiode ist der Frauenanteil im Bayerischen Landtag wieder auf 26,8 % gesunken.[14]

Das änderte sich fundamental erst 1986, als die erste Grüne Fraktion in den Landtag eingezogen ist – die damalige Frauenquote im Parlament wuchs schlagartig um 10% an – von damals mageren 7,8% auf immerhin 13,2%. Als die langhaarigen, kurzhaarigen, jungen und alten, lauten und unkonventionellen Grünen Frauen wie zum Beispiel Margarete Bause damals einzogen, war das aber auch umgekehrt ein Kulturschock. Plötzlich wurden Themen wie „sexualisierte Gewalt an Frauen“ im Plenum angesprochen, die vorher sauber unter der Decke gehalten wurden, und die Reaktionen waren entsprechend harsch und teilweise offen chauvinistisch. Ein Plenarprotokoll von 1988 dokumentiert wie die frühere grüne Abgeordnete Ingrid Psimmas damals zu diesem Thema geredet hatte und sich Dinge anhören musste wie „bei ihrem Aussehen bestünde da für sie ja keine Gefahr“ – und Schlimmeres.

Das Gute war, dass auf diese harschen Ausfälle hin sich erstmals fraktionsübergreifend Frauen (und auch einige Männer) solidarisiert haben, und die politische Kultur wurde langsam eine andere.

Heute haben mehrere andere Parteien, wie zum Beispiel Die Linke und SPD Frauenquoten für ihre Wahllisten, und die CSU zumindest für ihre Vorstandsämter. [15]

Aber schauen wir uns doch noch an, was sich, bis es 1986 soweit kam, in der Gesellschaft getan hatte. Der Einzug der Grünen in den Bundestag 1983 und 1986 ins Maximilianeum wäre ohne die zweite Frauenbewegung nicht möglich gewesen.

  1. Die Zweite Frauenbewegung: Das Private wird politisch[16]

Das Ende der 60er Jahre wird zur Geburtsstunde der zweiten Frauenbewegung, die im Zuge der 68er Bewegung nicht ohne den Impuls der Studentenbewegung zu denken ist. Die bis dato als „privat“ tabuisierten Themen und Probleme der persönlichen Paarbeziehungen und des Geschlechterverhältnisses rücken ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung. Die 68er Bewegung bildet die Basis der Kritik und des Widerstandes – Liebe, Sexualität, Kinderwunsch, Hausarbeit, Beziehungsmuster – galten bis zu diesem Zeitpunkt als natürlich und politisch nicht veränderbar. Zu zentralen Themen der zweiten Frauenbewegung werden nun die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, Diskriminierung und Verfügung über den weiblichen Körper.

Zwei Ereignisse mit Signalwirkung sind für diese Geschichte signifikant: der Tomatenwurf auf der Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in Frankfurt am 13. September 1968 und die Aktion „Ich habe abgetrieben“ in der Zeitschrift STERN im Jahr 1971.

Auf dem SDS-Delegiertenkongress 1968 beschuldigte Helke Sander, Sprecherin des Aktionsrates zur Befreiung der Frau, die SDS-Männer, in ihrer Gesellschaftskritik nicht weit genug zu gehen, weil sie die Diskriminierung der Frauen ignorierten. Tatsächlich sei der SDS selbst das Spiegelbild einer männlich geprägten Gesellschafts-struktur. Da die Genossen nicht bereit waren, diese Rede zu diskutieren und zur Tagesordnung übergehen wollten, warf Sigrid Rüger – als Zeichen weiblichen Protestes – Tomaten in Richtung Vorstandstisch.

Exkurs: Sigrid Rügers Tomatenwurf[17]

In grünem Kleid und hochschwanger greift sie zu den mitgebrachten Suppentomaten und trifft auf dem Podium Hans-Jürgen Krahl, den Cheftheoretiker des SDS.  „Als wir dann dort waren, waren wir ja schon gewappnet aus den Diskussionen in Berlin. Wir wussten ja, dass wir nun ja nicht auf große Resonanz treffen würden. Dass tausend Ausreden vorgebracht werden würden, diese Diskussion erneut zu vertragen. Und da habe ich einfach so bei mir gedacht: Also da müsste man irgendwie ein bisschen handgreiflich werden. Und da ich sowieso noch was zum Essen einkaufen musste, habe ich überlegt, nehme ich Eier mit oder nehme ich Tomaten mit. Und dann habe ich ein Säckchen Tomaten mitgenommen.“

„Das Steak eines Revolutionärs muss genau so lange braten wie das eines Bourgeois“ – diesen in Frankreich zirkulierenden Slogan unterschrieben auch die Anhängerinnen der deutschen Bewegung. Ob Frauen in bürgerlichen Verhältnissen oder unter dem Banner der „Revolution“ Kaffee kochten, Texte tippten und Kinder hüteten, um den Männern den Rücken frei zu halten, kam in der Wahrnehmung der Zeitgenossinnen auf dasselbe raus: die gesellschaftliche Ohnmacht von Frauen und ihre Reduzierung auf den Reproduktionsbereich. Gehör fanden die Frauen bei den männlichen Bewegungsanhängern nicht, die Anliegen des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen wurden vom SDS nicht auf die Agenda übernommen. „Unterdrücker seid ihr“, warf daher die Vertreterin einer der zahlreichen neu gegründeten Frauenaktionsgruppe den männlichen Delegierten des SDS bei einer Versammlung im November 1968 an den Kopf, „insofern Ihr Träger zementierter Herrschaft im SDS seid.“

2.1 Eine eigenständige Frauenkultur entsteht

Das Selbstbestimmungsrecht der Frauen auch in sexueller Hinsicht geht einher mit Aufklärungskampagnen, einer neuen Mode und mit massiver Kritik an der Werbung und der Frauenverachtung in den Medien.

1976 wird das erste Frauenhaus gegründet, im gleichen Jahr findet die erste Sommeruniversität für Frauen zum Thema „Frauen und Wissenschaft“ statt. Ende der 70er Jahre entwickeln sich die ersten autonomen Frauenprojekte, Frauenbuchläden öffnen ihre Pforten, überregionale Zeitschriften von Frauen für Frauen entstehen, die bekanntesten sind Emma und Courage. Die Frauenbewegung setzt sich auch für die Stärkung der Rechte lesbischer Frauen ein. Sie unterstützt den Kampf der Lesben und Schwulen gegen Diskriminierung und ihre Forderung nach Gleichberechtigung im Sinne der Menschenrechte.

In Berlin, Frankfurt, Münster, München, Hamburg und anderen größeren, überwiegend Universitätsstädten entstanden Frauen- und Weiberräte. Diese arbeiteten einerseits eng mit ihren linken „Genossen“ zusammen, kritisierten andererseits deren machohaftes Verhalten ebenso wie die mangelnde Einbeziehung der Geschlechterbeziehungen in ihre Analyse gegenwärtiger gesellschaftlicher Machtstrukturen.

Exkurs: Gründung „Münchner Rote Frauenfront“[18]

Als im Mai 1968 Zigtausende gegen die geplanten Notstandsgesetze der Großen Koalition protestierten, da war auch die Münchner Schülerin Barbara Riedmüller auf der Straße. Sie besuchte das katholische Mädchengymnasium der Armen Schulschwestern am Oberanger und stand kurz vor dem Abitur. Sie ging von der Schule direkt auf die Demo. „SPD und CDU – lasst das Grundgesetz in Ruh“, lautete der Slogan der Demonstranten. Sie fürchteten eine Rückkehr zu totalitären Polizeigesetzen, weil im Verteidigungsfall, aber auch bei inneren Unruhen, Grundrechte eingeschränkt werden und der Einsatz der Bundeswehr im Inneren erlaubt würde.

Im Herbst hatte der Bundestag das Gesetz trotz aller Proteste beschlossen, und Barbara Riedmüller schrieb sich an der Ludwig-Maximilians-Universität in Soziologie ein. Da änderte sich ihr Fokus. Sie traf auf eine hermetische Männerwelt. In den Seminaren saßen die Frauen in der hintersten Reihe, und geredet haben nur die Jungs. Sie konzentrierte sich vielmehr darauf, den bis dahin reinen Männerklub Asta ein wenig aufzumischen.

Mit ihrer Freundin Mona Winter, die später Theaterstücke schrieb und den Münchner Raben-Verlag gründete, und anderen rief sie die Rote Frauenfront ins Leben. Zum ersten Treffen im Neubau der Uni an der Leopoldstraße kamen mehr als 150 Frauen.

Barbara Riedmüller trat in die SPD ein, arbeitete nach der Promotion im Sozialreferat der Stadt München und ging dann nach Berlin. Zwei Jahre war Riedmüller Wissenschaftssenatorin im Berliner Senat, dem ersten deutschen Parlament mit einer Frauenmehrheit – das machte Schlagzeilen.

Exkurs: Frauenbewegung in Nürnberg[19]

Auch in Nürnberg war die Frauenbewegung aktiv, machte mit vielen Aktionen auf die Unterdrückung und Ausgrenzung von Frauen aufmerksam und gründete Einrichtungen und Projekte, die bis heute wirken. Der Verein Pro Familia, das Frauenhaus, der Frauennotruf (der am 19. November 2018 30-Jahrfeier hat), das Frauengesundheits-zentrum und viele mehr haben ihren Ursprung in der Frauenbewegung.

Ab Anfang der 80er Jahre erwirkten die Frauen vom „Nürnberger Frauenbündnis“, dass auch im Stadtrat Frauenthemen berücksichtigt wurden und ihren Eingang in die Stadtpolitik fanden. Die Nürnberger Frauenbeauftragte wurde Mitte der 80er Jahre installiert, der Frauenförderpreis wird seit 1990 verliehen und für einige Jahre gab es im Stadtrat eine Gleichstellungskommission, in der beispielsweise das Thema frauenfreundliche Stadtplanung aufs Tapet kam.

Eine der bekanntesten Aktivistinnen aus Nürnberg war erst in Frankfurt beim berüchtigten „Weiberrat“ aktiv, dann umtriebig in Nürnberg: Annemarie Rufer, die die „Pro Familia“-Beratungsstelle in Nürnberg mitinitiiert hat und mit einem Frauentag auf Schloss Almoshof die Vorlage für das „Nürnberger Frauenbündnis“ geliefert hat. Ein Bündnis, das Frauenthemen geradewegs in die Stadtpolitik trug und z.B. mehr Betreuungsplätze oder ein Frauennachttaxi forderte. 2008 wurde Annemarie Rufer für ihr Engagement in Sachen Gleichberechtigung mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Auch Conny Schmidt, ein linke Feministin, versuchte, die männlichen Strukturen in ihrer Gewerkschaft ÖTV aufzubrechen – nicht ohne heftigen Gegenwind.  Doch mit nicht zu übersehenden Aktionen zu feministischen Themen wie z.B. der Verleihung eines „lila Schweineschwanzes“ für besonders chauvinistisches Gebaren, verschaffte sie sich und der Sache der Frauen Gehör. Als Mitfrau des Nürnberger Frauenbündnisses war sie beteiligt an der Schaffung einer Gleichstellungskomission, die Ende der 80er Jahre für einige Jahre auf Druck der Frauen im Stadtrat installiert wurde – und die die autonomen Frauen schließlich „sprengten“, weil sie nicht länger nur beratende Mitglieder sein, sondern ein Stimmrecht in diesem Gremium ausüben wollten.

Interessant ist, dass gerade im Zuge dieses Prozesses die Unterschiede zwischen den Frauen der Neuen Frauenbewegung und denen in den Parteien und Verbänden immer mehr verwischt wurden bzw. heute weniger offenbar sind. Der Prozess verlief beidseitig. So nahmen einerseits die Frauenverbände sowie Frauen in Parteien, Gewerkschaften und Kirchen die Ziele der Neuen Frauenbewegung auf, und andererseits gingen die Vertreterinnen der Neuen Frauenbewegung in nationale und internationale Organisationen und Institutionen, um dort ihre Ideen durchzusetzen. Durch die zweite Frauenbewegung der 1970er-Jahre wurden erneut Fragen der Gleichberechtigung, Quotierung und Förderung von Frauen in der breiten Öffentlichkeit thematisiert.

  1. 60 Jahre Frauenrechte – ausgewählte Gesetze und Initiativen

Wie anfangs bereits betont, stehen wir, auch 100 Jahre nach Einführung des aktiven und passiven Wahlrechts für Frauen noch längst nicht am Ziel, der vollen Gleichberechtigung von Frauen in Gesellschaft und Politik.

Bis heute brauchte und braucht es nach wie vor zahlreiche Debatten, Initiativen und die Durchsetzung von Gesetze von engagierten und mutigen Frauen – denn wir sind immer noch nicht am Ziel –  die ich hier in einem ausgewählten Zeitstrahl skizieren möchte:

 

  • Erst ab 1957 wurden nach und nach die gesetzlichen Bestimmungen aufgehoben, die gegen Artikel 3 des Grundgesetzes verstießen.
    Dazu gehört unter anderem das Letztentscheidungsrecht des Ehemannes in allen Ehe-angelegenheiten und über die Berufs-tätigkeit der Ehefrau und erst 1994 wurde der Artikel 3 GG um den Zusatz: «Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.» – und damit letztlich „scharfgeschalten“ ergänzt.
  • 1961 – Frauen in der Regierung
    1961 wird erstmals mit Elisabeth Schwarzhaupt eine Frau Bundesministerin. Sie ist für das Gesundheitswesen zuständig. Bis eine Frau das Amt der Bundeskanzlerin bekleiden wird, wird es allerdings noch über 40 Jahre dauern. In den 1980er-Jahren etabliert sich wiederum mit den GRÜNEN eine Partei, die sich dem Feminismus verpflichtet fühlte. Vor diesem Hintergrund modernisierte die regierende CDU ihre Frauenpolitik und berief 1986 Rita Süssmuth zur ersten Frauenministerin. Rita Süssmuth warb vor allem für die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie für beide Partner.
  • 1961 – die Antibabypille kommt raus
    Die Antibabypille wird auf dem deutschen Markt heraus gebracht und ist zunächst nur für verheiratete Frauen zu haben. Offiziell gilt sie gegen Menstruationsbeschwerden, ihre verhütende Wirkung war jedoch bekannt.
  • 1971 – Stern-Titel «Wir haben abgetrieben»
    Die Journalistin Alice Schwarzer initiierte die öffentliche Selbstbezichtigung von 374 prominenten und nicht prominenten Frauen. Die Frauen bekennen sich öffentlich im Stern dazu, abgetrieben und damit gegen geltendes Recht des Paragrafen 218 StGB verstoßen zu haben. Die Aktion erregte großes Aufsehen in West-Deutschland, weil sie erstmals öffentlich das Tabuthema Abtreibung ansprach und die Gründung mehrerer feministischer Gruppen anregte, die sich gegen den Paragrafen 218 engagierten. Anders als in der BRD waren Abtreibungen in der DDR seit 1972 in den ersten drei Monaten legal. „Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ So steht es auch weiterhin im zuletzt 1995 reformierten Paragraf 218 des Strafgesetzbuchs. Abtreibung ist weiter eine Straftat. Sie wird aber in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen nicht bestraft, wenn die Frau sich bei einer anerkannten Stelle hat beraten lassen. Auch wenn ihr Leben und ihre Gesundheit bedroht sind oder sie durch Vergewaltigung schwanger wurde, verzichtet der Staat auf Strafe. Der aktuelle Paragraf 218 war 1995 ein Kompromiss zur deutschen Einheit. Aktuell richtet sich der Protest vieler Frauenorganisationen gegen den Paragraph 2019a, der „Werbung für Abtreibungen“ unter Strafe stellt, aber faktisch genauso Ärztinnen und Arzte trifft die neutral informieren möchten.
  • 1973 – Eröffnung von Frauenräumen
    Frauenzentren haben sich nach der Eröffnung des ersten Frauenzentrums 1973 in West-Berlin schnell als Anlaufstellen und Ort des Austauschs für Frauen unabhängig von der poli-tischen oder feministischen Richtung verbreitet. In der Folge entstehen Lesbengruppen, Frauencafés, Frauenkneipen, und autonome Frauenprojekte wie Frauenhäuser. Das erste Frauen-haus wurde 1976 in West-Berlin von Frauen der autonomen Frauenbewegung gegründet. Sie verbreiteten sich schnell in ganz West-Deutschland. Seither sind sie Zufluchtsort für Frauen und ihre Kinder, die Gewalt durch Partner erleben.
  • 1975 – Wiederbelebung des Internationalen Frauentages
    Die UNO deklariert das Jahr 1975 zum Jahr der Frau und der Gleichberechtigung der Geschlechter. Der 8. März als Interna-tionaler Tag der Frau wird wiederbelebt. Die Erkenntnis, dass der Internationale Frauentag auch nach dem Untergang des Staats-sozialismus seine Berechtigung hat, setzt sich durch. Er wird erneut zum Anlass genommen, Frauen zu mobilisieren und aufzufordern, sich für ihre Rechte einzusetzen. Zu den Themen des Internationalen Frauentages gehören nach wie vor der Kampf gegen den §218, die Verdrängung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt sowie Forderungen nach konkreten Gleich-stellungsgesetzen, echter Frauenförderung und Eigenständigkeit. Verstärkt rücken auch Menschenrechtsverletzungen in den Blickpunkt, sowie Diskriminierungen und Gewalt gegen ausländische Frauen.
  • 1976 – Feministische Medien erscheinen
    Von 1976 bis 1984 erschien die feministische Zeitschrift „Courage“ in West-Berlin. Die selbstverwaltete autonome „Courage“ galt als Sprachrohr und Kommunikationsplattform der autonomen links-feministischen und lesbischen Szene. Sie griff Themen auf, die im gesellschaftlichen Klima der damaligen Zeit als äußerst heikel galten, und machte Frauen Mut, ein selbst-bestimmtes Leben zu führen. 1977 erschien erstmals die Zeit-schrift EMMA mit einer Auflage von rund 200.000 Exemplaren. Mit ihr wurde die Herausgeberin Alice Schwarzer zu einer der führenden Figuren der deutschen Frauenbewegung. Meinungsbildend wurden künftig auch Frauen-Seiten in Tageszeitungen, allen voran in der taz mit links-feministischer Ausrichtung – zum Teil in Kontroverse zu Positionen der EMMA; ebenso Sendungen im Hörfunk – etwa Zeitpunkte in Berlin und Fernsehmagazine.
  • 1977 – Erstes Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts
    Mit dem Gesetz treten eine Reihe neuer Regelungen in Kraft: Es wird unter anderem die sogenannte «Hausfrauenehe» abge-schafft, die die Frau gesetzlich zur Haushaltsführung verpflich-tete. Das Recht des Ehemannes, ein Dienstverhältnis seiner Ehefrau fristlos zu kündigen, wird damit aufgehoben. Im Ehe-scheidungsrecht wird das Schuldprinzip zugunsten des Zer-rüttungsprinzips aufgegeben. Zudem kann nun bei Ehe-schließungen der Nachname der Frau gemeinsamer Familien-name werden.
  • 1970/80er – Feministische Lehre und Forschung
    1976 hielt mit der ersten Berliner Frauenuniversität der Feminismus Einzug in die Wissenschaft. In den 1980er-Jahren trug u.a. Christina Thürmer-Rohr mit ihrer These der Mit-täterinnenschaft wesentlich dazu bei, das feministische Selbst-bild zu überdenken und in der feministischen Forschung andere methodologische Zugänge zu entwickeln.
  • 1980 – Gesetz über die Gleichbehandlung von Männern und Frauen am Arbeitsplatz
    Der Grundsatz der Gleichbehandlung am Arbeitsplatz wird als Rechtsanspruch im BGB festgeschrieben. Ebenso das Recht auf gleiches Entgelt. Stellenausschreibungen sollen geschlechts-neutral formuliert werden. Der Arbeitgeber trägt künftig im Prozess die Beweislast, wenn die Arbeitnehmerin Verhaltens-weisen und Entscheidungen glaubhaft machen kann, die auf eine Benachteiligung wegen ihres Geschlechts hindeuten. Die un-gleiche Bezahlung von Frauen und Männern, die sogenannte Lohnlücke (Gender Pay Gap) ist bis heute ein zentrales feministisches Thema.
  • 1983 – Die Quote kommt ins Spiel
    Die achtziger Jahre sind geprägt von einer autonomen Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung und der aufkommenden öko-logischen Bewegung. Damit etablieren sich neben der klassischen Arbeiterbewegung zwei neue soziale Bewegungen: die Frauen- und die Ökologiebewegung. In vielen Bereichen haben sie gemeinsame Schnittmengen und auch gemeinsame Akteurinnen. Besonders spektakulär ist der Aufstieg der Grünen als neuer Partei in der bundesrepublikanischen Parteienlandschaft. 1983 ziehen sie zum ersten Mal mit 27 Mandaten in den Deutschen Bundestag ein. Dem SprecherInnengremium gehören Petra Kelly, Marieluise Beck-Oberdorf und Otto Schily an. Damit sind die Grünen die erste Partei, die die Frauenparität in ihr Programm aufnimmt und dies genau wie die Ämterrotation zum System erhebt. Nach den Grünen beschließt auch die SPD 1988 eine Quotenregelung für die Parteimandate. Die CDU folgt im Jahr 1996.
  • 1983 – Tabubruch durch die grüne Abgeordneten Waltraud Schoppe (Vergewaltigung in der Ehe)
    Niemals vorher und niemals seitdem ist im Deutschen Bundestag so offen und direkt über Sex gesprochen worden. »Wir bewegen uns in einer Gesellschaft«, sagt die frisch gewählte Grünen-Abgeordnete Waltraud Schoppe in ihrer Jungfernrede, »die Lebensverhältnisse normiert, auf Einheitsmoden, Einheitswohnungen, Einheitsmeinungen und auch auf eine Einheitsmoral, was dazu geführt hat, dass sich Menschen abends hinlegen und vor dem Einschlafen eine Einheitsübung vollführen, wobei der Mann meist eine fahrlässige Penetration durchführt.« Wie bitte? Fahrlässige Penetration? Es sollte noch 15 Jahre dauern, bis Vergewaltigung auch in der Ehe strafbar wurde.
  • 1986: Das damalige Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit bekommt die neue Abteilung „Frauenpolitik“.
    Seitdem gibt es in der Bundesregierung offiziell eine Ministerin, die für die Belange von Frauen zuständig ist. Rita Süssmuth – 1985 zur Bundesministerin für Familie, Jugend und Gesundheit ernannt – wurde 1986 erste Frauenministerin der Bundesrepublik.
  • 1989 – Die deutschen Fußball-Frauen gewinnen die Europameisterschaft – und bekommen vom DFB ein Kaffeeservice spendiert.
    Der Durchbruch gelingt 1989 bei der Frauenfußball-EM im eigenen Land. In Osnabrück sehen 22.000 Zuschauer im ausverkauften Stadion das Endspiel zwischen Deutschland und Norwegen. Deutschlands Frauen gewinnen mit 4:1. „Ein Riesenerlebnis, von der Atmosphäre, von der Stimmung unwiederholbar“, schwärmt die Duisburger Rekordnational-spielerin Martina Voss noch heute. Der Titel ist der DFB-Spitze auch eine Prämie wert. Scheinbar noch immer im Geiste der 1950er-Jahre erhalten die Europameisterinnen hausfrauen-gerecht ein Tafelservice, und das in minderwertiger 1B-Qualität. Ihre männlichen Kollegen erhalten damals bereits bei vergleich-baren Erfolgen sechstellige Prämien.
  • 1992: Das Bundesverfassungsgericht kippt das Nachtarbeitsverbot für Frauen
  • 1994: Jutta Limbach wird als erste Frau Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts
  • 1994 – Bundesweiter Frauenprotest
    Im Jahr 1994 wird der 8. März zu einem bundesweiten Frauenprotesttag, der beachtliche Erfolge mit sich bringt. So werden zahlreiche Aufrufe formuliert, in denen sich Frauen unterschiedlichster Orientierung zu gemeinsamen Forderungen zusammenschließen, zum Beispiel in Bezug auf ein Gleich-stellungsgesetz für die Privatwirtschaft. Mit phantasievollen Aktionen wird auf bestehende Ungleichbehandlungen hingewiesen. Straßen werden zeitweilig umbenannt. Mit Topfdeckeln und Tuten verschaffen sich Protestierende im Namen der weiblichen Hälfte der Bevölkerung Aufmerksamkeit und Gehör. Bei den Gewerkschaftsfrauen heißt es: „Uns reicht’s“! Mit rund einer Million Frauen, die sich an den Protesten beteiligen, ist es die bisher letzte größere Frauentagsaktion in Deutschland, die auch in den Medien breite Resonanz findet.
  • 1995 – UN-Weltfrauenkonferenz in Peking
    In der «Pekinger Aktionsplattform», die zum Abschluss der vierten Weltfrauenkonferenz verabschiedet wurde, sind strategische Ziele definiert und Maßnahmen aufgelistet, die zur Realisierung der Rechte von Frauen und zur Gleichstellung der Geschlechter führen sollen. Benannt wurden dafür zwölf Problemfelder, in denen spezifische Maßnahmen erforderlich sind: Frauen und Armut, Frauenbildung und -ausbildung, Frauen und Gesundheit, Gewalt gegen Frauen, Frauen und bewaffnete Konflikte, Frauen in der Wirtschaft sowie in Macht- und Entscheidungspositionen, institutionelle Mechanismen zur Förderung der Frau, Menschenrechte der Frauen, Frauen und Medien, Frauen und Umwelt, Mädchen. Die Bilanz der Um-setzung, die nach 20 Jahren, im März 2015, von der Frauen-rechtskommission in New York gezogen wurde, ist äußerst dürftig: Weltweit sind Menschenrechtsverletzungen an Frauen noch immer an der Tagesordnung.
  • 1997 – Vergewaltigung in der Ehe wird strafbar
    Eine Mehrheit der Abgeordneten des Bundestags – vom Fraktionszwang befreit – stimmte 1997 für einen fraktions-übergreifenden Gruppenantrag der weiblichen Abgeordneten und damit für die rechtliche Gleichstellung ehelicher und außerehelicher Vergewaltigung. Seither ist auch die Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Dagegen gestimmt haben damals u.a. folgende prominente und immer noch aktive Politikerinnen und Politiker: Norbert Blüm, Friedrich Merz, Peter Ramsauer, Horst Seehofer, Erika Steinbach, Dagmar Wöhrl
  • 1999 – Gender-Mainstreaming wird Ziel der Europäischen Union
    Seit den Amsterdamer Verträgen ist Gender-Mainstreaming – Postulat der Pekinger Weltfrauenkonferenz von 1995 – auch erklärtes Ziel der Europäischen Union. Gender-Mainstreaming bedeutet, die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern bei Entscheidungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu berücksichtigen, um so die Gleichstellung der Geschlechter durchzusetzen. Gender-Mainstreaming ist ein Top-down-Instrument und bezieht alle Geschlechter gleichermaßen ein.
  • 2001 – Einführung des Lebenspartnerschaftsgesetzes
    Rot-grüne Gesetzesreformen führen zum Gesetz über die eingetragene Lebenspartnerschaft, kurz Lebenspartner-schaftsgesetz, für zwei Menschen gleichen Geschlechts. Die Rechtsfolgen dieses Rechtsinstituts der Lebenspartnerschaft sind zum großen Teil den Rechtsfolgen der Ehe in bürgerlich-rechtlichen Angelegenheiten nachgebildet. 2015 gab es in Deutschland knapp 43.000 Eingetragene Lebenspartnerschaften, davon waren rund 48 Prozent Lebenspartnerschaften von Frauen.
  • 2001: Der Europäische Gerichtshof entscheidet, dass Frauen den Dienst an der Waffe leisten dürfen.
    Das bisherige Verbot wird aus dem Grundgesetz gestrichen.
  • 2002: Gewaltschutzgesetz – Gesetz zum zivilrechtlichen Schutz vor Gewalttaten und Nachstellungen
    Das Gewaltschutzgesetz tritt in Kraft. Gewalttätige Partner können nun von der Polizei aus der Wohnung ausgewiesen werden. Die Opfer haben das Recht, im gemeinsamen Haushalt zu bleiben.
  • 2002 – Prostitutionsgesetz
    Das Prostitutionsgesetz ist eine Folge der Prostituiertenbewegung der 1980er- und 1990er-Jahre und ein Erfolg grüner Regierungspolitik. Es wollte die Diskriminierung von Prostituierten abbauen und ihre rechtliche und soziale Situation verbessern. Vereinbarungen über sexuelle Handlungen machen es seitdem möglich, Entgeltforderungen einzuklagen. Außerdem können Sexarbeiter*innen nun regulär in die gesetzliche Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung einzahlen. Die Große Koalition novellierte das Gesetz im September 2016 und verabschiedete das Prostituierten-schutzgesetz. Prostituierte sind nun verpflichtet, ihr Gewerbe anzumelden, Prostitutionsbetriebe müssen bewilligt werden. Weitere Regelungen verpflichteten zu einer regelmäßigen Gesundheitsberatung und schreiben Kondome vor. Der Umgang mit dem Thema Prostitution ist dennoch unter Frauen-rechtlerinnen nach wie vor höchst umstritten. Viele bevorzugen das sog. Skandinavische Modell, das Prostitution verbietet und für Freier strafbar macht.
  • 2003 – Die deutsche Frauen-Fußballnationalmannschaft wird Weltmeisterin.
  • 2005 – Angela Merkel wird erste Bundeskanzlerin
    Nach über 50-jährigem Bestehen der Bundesrepublik Deutschland bekleidet mit Angela Merkel erstmals eine Frau das Amt der Bundeskanzlerin. Sie wird in dieser einflussreichen Rolle auch als «mächtigste Frau der Welt» angesehen. Ihr Aufstieg zur CSU-Vorsitzenden und später zur Kanzlerkandidatin ist eng mit dem nötigen Neustart innerhalb der Union nach der Partei-spendenaffäre verknüpft. Salopp gesagt: Frauen sind politisch immer dann gefragt, wenn es darum geht eine völlig verfahrene Situation aufzulösen.
  • 2008: Der erste „Equal Pay Day“
    findet statt und skandalisiert den Lohnunterscheid von unglaublichen 24% zwischen Männern und Frauen.
  • 2013 – #aufschrei-Debatte über Alltagssexismus
    Nachdem eine Frau über Twitter sexistische Erfahrungen postete, etablierte die Netzfeministin Anne Wizorek mit anderen jungen Frauen bei Twitter das Hashtag #aufschrei, das eine Lawine von Tweets auslöste. Frauen berichteten über Bemerkungen und Übergriffe, denen sie sich in ihrem alltäglichen Leben ausgesetzt sehen und die sie als sexistisch empfinden. Der Hashtag #aufschrei wurde innerhalb weniger Tage über 50.000 Mal genutzt. Die Sexismus-Debatte war danach auch Thema in Printmedien und Talkshows sowie in der internationalen Presse.
  • 2016: Der Grundsatz „Nein heißt NEIN“ wird in §177 StGB umgesetzt
  • 2017: Das Entgeltgleichheitsgesetz tritt auf Bundesebene in Kraft
  • 2017 – #MeToo
    Im Oktober 2017 wurde der Weinstein-Skandal publik. Zahlreiche Frauen beschuldigten den Filmproduzenten Harvey Weinstein der sexuellen Belästigung, Nötigung oder der Vergewaltigung. In Reaktion darauf rief die Schauspielerin Alyssa Milano zur Nutzung des Hashtags #MeToo auf. Sie wollte betroffene Frauen ermutigen, auf das Ausmaß sexueller Belästigung und sexueller Übergriffe aufmerksam zu machen. Seitdem wurde dieses Hashtag millionenfach verwendet und brachte das Thema sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen (und Männern) wieder auf die Tagesordnung.

 

  1. Eine Zwischenbilanz

So gesehen, haben wir schon viel erreicht – in der Politik, in der Gesellschaft – aber von einer tatsächlichen Gleichberechtigung sind wir meilenweit entfernt!

Wenn wir nochmal genauer hinschauen auf die Gesetze und Initiativen, viele Errungenschaften, die eigentlich selbstverständliche Tatsachen sein sollten – sind ja noch nicht lange her. Also doch eher Stillstand statt Fortschritt, oder eher Trippelschritte?

Wir sind heute hier, weil wir über 100 Jahre Frauenwahlrecht sprechen und für mich als Politikerin stellt sich natürlich auch die Frage der politischen Repräsentation und Partizipation von Frauen in den Parlamenten.

Und hier, ist wirklich noch viel Luft nach oben.

Im Bundestag seit der Bundestagswahl 2016 ein Anteil von weiblichen Abgeordneten von 30,0% und im neu gewählten Bayerischen Parlament ein Anteil von 26,8%. Das ist, einerseits, ein demokratietheoretisches Problem. Denn in den Parlamenten geht es nicht, wie viele gerne behaupten um ein wie auch immer geartetes Leistungsprinzip, sondern um Repräsentanz der Bevölkerung.

Diese Unterrepräsentanz von Frauen hat aber ganz konkrete Auswirkungen auf die Entscheidungsfindung zu Themen, die überwiegend Frauen betreffen. Denn Lebenswirklichkeit wird innerhalb der Parlamente nach wie vor nicht ausreichend abgebildet.

Einige Beispiele:
Gewalt gegen Frauen wird auch fast 30 Jahre nach der Brandrede von Ingrid Psimmas im ach so fortschrittlichen Bayern nach wie vor als Randphänomen behandelt, anstatt wirksame Präventionsmaßnahmen zu etablieren und Hilfsangebote für Betroffene zu finanzieren. Aktuell wird jede zweite Frau, die Hilfe in einem Frauenhaus sucht, aus Platzgründen abgewiesen. Doch auch wenn es jährlich nur etwas drei Millionen Euro kosten würde, diesem Notstand abzuhelfen, wird das Thema im Landtag seit Jahren vertagt und vor sich hergeschoben. Zum Vergleich: Die Abschaffung der Straßenausbaubeiträge, die den Haushalt mit etwa 100 Millionen Euro belasten, ging innerhalb weniger Wochen durchs Parlament.

Im Berufsleben haben Frauen dauerhaft schlechtere Aufstiegschancen, übernehmen aber den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit. Es fehlen nach wie vor an wirksamen Quotenregelungen für Aufsichtsräte und Vorstände, und wirksame Gleichstellungsgesetze für den Öffentlichen Dienst., Hochschulen und Gerichte sowie die Privatwirtschaft. Der „Gender Pay Gap “ beträgt in Bayern immer noch 24% und im Alter summiert sich der Renten- und Pensionsabstand zwischen den Geschlechtern sogar auf 60% auf.

Frauenpolitik ist unter diesen Ausgangsbedingungen nach wie vor parlamentarisch eines der spannendsten und schwierigsten Themen zugleich. Wir haben in Bayern kein Ministerium, dass Frauen im Titel führt, es ist ein Querschnittsthema ohne eigenen festen Ausschuss und erfordert eine proaktive Einmischung, um an die Belange der Frauen zu erinnern, die nicht automatisch mit bedacht werden.

Frauen kämpfen, wie wir gesehen haben, seit Jahrhunderten für Gleichberechtigung und merken, dass sie immer noch weder von Politik noch der Gesellschaft gleichberechtigt mitgemeint sind, obwohl Frauen 51% der Weltbevölkerung betragen. Deshalb formieren sich nicht nur weltweit Proteste wie zum Bespiel Frauenstreiks, aber auch Forderungen nach einem Paritégesetz werden hier bei uns laut.

Der Verein für Fraueninteressen, in dem u.A. der Landesfrauenrat als Dachverband aller Bayerischen Frauenorganisationen vertreten ist,  hat deshalb ein Aktionsbündnis „Parite in den Parlamenten“ ins Leben gerufen und zum 70sten Jubiläum der Bayerischen Verfassung das Unerhörte getan, und Popularklage gegen den Freistaat Bayern eingereicht, um eine paritätische Besetzung aller Wahllisten zu erreichen. So wie es in acht andere Länder der EU in ihren bereits umgesetzt wird.  Denn wenn Frauen gar nicht oder nur zu geringerem Teil auf den Wahllisten auftauchen, können sie auch nicht gewählt werden. Die Klage ist in erster Instanz vom Bayerischen Verfassungsgericht abgewiesen worden und liegt derzeit vor dem Bundesverfassungsgericht[20].

Eine Änderung des Wahlsystems, das klingt vielleicht utopisch, oder sagen wir visionär, aber manchmal braucht es solche Schritte, um Dinge voran zu bringen die kurz danach als selbstverständlich gelten – wie damals das Frauenwahlrecht im Zuge der Revolution 2018. Ich finde, alle 100 Jahre kann Bayern zumindest eine kleine Revolution durchaus verkraften!

Soweit zur Politik. Aber wie sieht es in der Kirche aus?

  1. Frauen in der Evangelischen Landeskirche Bayerns (ELKB)

Als Politikerin, die 2014 in die Synode berufen wurde, um die Grünen im Landtag zu vertreten, bin ich ja quasi quer eingestiegen. Ich habe viele Parallelen, aber auch einige Unterschiede zum politischen Betrieb festgestellt. So gibt es in der Synode bei aller Ähnlichkeit in der politischen Arbeit – Anträge, Ausschüsse, Debatten, Arbeitskreise, die mehr oder weniger die Rolle einnehmen, die im Landtag auch die Fraktionen bilden, doch gewichtige Unterschiede. So das aufrichtige Bemühen immer möglichst breiten Konsens zu schaffen und möglichst wenig Verletzungen und Fronten stehen zu lasen. Besonders spannend finde ich dabei die Rolle der Frauen. Meine These: Unsere Kirche war sehr spät dran, hat mächtig aufgeholt, und nun stellt sich die Frage: haben wir schon wirklich alles erreicht?

Im Jahr 2015 feierten die Theologinnen in Bayern oder besser die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern ein doppeltes Jubiläum: 80 Jahre Theologinnenkonvent und 40 Jahre Frauenordination – und es war ein langer Prozess bis hierhier.

5.1 Die Anfänge[21]

Das Studium der evangelischen Theologie begannen die Frauen in Deutschland um 1900 zu studieren – die erste Studentin, die sich hierfür erstmals immatrikulierte, tat dies 1919 an der bayerischen evangelisch-theologischen Fakultät in Erlangen. Die ersten Theologiestudentinnen hatten ein klares Ziel vor Augen, sie wollten „der Kirche dienen und nicht der Schürze“ wie die Diakonissen.[22]

Die bayerischen Theologinnen nahmen die Errungenschaften der Frauenbewegung wie die Zulassung zum Studium als selbstverständlich wahr, zugleich blieben sie in den Anfängen des 20. Jahrhunderts eher weiterhin konservativ und begründeten ihr Amt eher theologisch als emanzipatorisch. Im Jahr 1921 ließ die bayerische Landeskirche Frauen zu beiden theologischen Examina zu, übernahm die Absolventinnen jedoch nicht als Pfarramtskandidatinnen. Die Suche nach einer Anstellung für die jungen Frauen gestaltete sich schwierig, denn nach dem Willen der Landeskirche sollten sie ihrer Kirche als Diakonissen dienen.

So arbeiteten die meisten Theologinnen als Religionslehrerinnen oder Katechetinnen, in der Jugendarbeit oder beim Bayerischen Mütterdienst, manche mussten sich gar eine fachfremde Arbeit suchen. 1929 traten gleich vier Frauen zum bayerischen Theologischen Examen an. Einer der Prüfer, wohl zu humoristischen Dichten geneigt, griff die Thematik in einem ironischen Gedicht auf. Vermutlich sollte es die Ratlosigkeit der Kirche angesichts der „Schwemme“ an weiblichen Kandidaten widerspiegeln. Hier ein kleiner Ausschnitt:

„[…] Heute steigen junge Damen

Selbst zu Ansbach ins Examen.

Damals Mädchenherzen tattern,

Heut‘ studieren sie Heim und Schlatter,

Dialektische Theologie

Treiben ganz begeistert sie. […]

Solche Pfarrersweiblichkeiten

Muß man unbedingt vermeiden!

Hätten doch derlei Tendenzen

Undenkbare Konsequenzen!

Wenn die Landeskirche trüge

Völlig feminine Züge!

Wenn als vierten Kreisdekan

Stellte eine Frau man an!“[23]

 

1935 – Gründung des bayerischen Theologinnenkonvents

Da die bayerische Landeskirche die Einführung des Amtes der Vikarin verweigerte, entschlossen sich im September 1935 zehn Theologinnen zur Gründung des bayerischen Theologinnen-konvents. Einige von ihnen waren bereits Mitglied im Verband Evangelischer Theologinnen Deutschlands, der 1925 gegründet worden war. Die Entstehung des Konvents fällt in die Zeit des Nationalsozialismus, in der die evangelischen Kirchen in ihrer Haltung gegenüber der herrschenden Ideologie sowie, daraus folgend, in ihren Leitungsstrukturen gespalten waren. Die meisten Theologinnen hielten sich zur Bekennenden Kirche.

Das Amt der Theologin – und in Bayern bewegte sich nichts…

Mit der 1938 veröffentlichten Denkschrift des bayerischen Theologinnenkonvents entstand eine Gemeinschaftsarbeit, in der der Landeskirchenrat aufgefordert wurde, ein „Amt der Theologin“ zu schaffen. Elisabeth Haseloff, damals Theologiestudentin in Erlangen, reichte einen der Vorentwürfe ein. Die endgültige Fassung der Denkschrift des bayerischen Theologinnenkonvents wirkt auf heutige Leserinnen und Leser möglicherweise befremdlich. Sie ist zurückhaltend formuliert und bleibt bei der Interpretation derjenigen Bibelstellen, die den Frauen nach herkömmlicher Auslegung das Predigtamt untersagten, konservativ: „Das Amt der Theologin ist abzugrenzen gegen das Pfarramt. Das Pfarramt ist öffentliches Amt und umschließt die Verkündigung an die Gesamtgemeinde und die Leitung der Gemeinde auch als einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Beides steht der Frau bei geordneten Verhältnissen nicht zu, weil es ihrem Wesen nicht entspricht.“

Dennoch war das Auftreten der bayerischen Theologinnen innovativ, obwohl sie Theologie in einer Außenseiterposition studierten und sich keine Hoffnung auf das Amt des Pfarrers machen konnten. Durch ihr Studium zwangen sie jedoch die Kirchenleitung, sich mit der „Theologinnenfrage“ auseinander-zusetzen und durch ihre praktische Tätigkeit konnten Gemeinde-mitglieder erstmals Frauen erleben, die geistliche Aufgaben auf der Basis einer fundierten, akademischen Ausbildung ausübten. Die Theologinnen selbst sammelten wiederum Erfahrungen in Teil-bereichen des geistlichen Amts, als Katechetinnen oder Helferinnen im Pfarramt, in der Jugend- und Frauenarbeit und in der Kranken- und Gefangenenseelsorge. Dort durften sie in Notfällen auch predigen oder das Abendmahl reichen. Dennoch war es nicht möglich während des Kriegs in Bayern eine stellvertretende Pfarramtsführung durch Theologinnen auszuüben, wenn auch in abgelegenen Gegenden sowie in der Diaspora während der Kriegszeit Freiräume gab. In verwaisten Gemeinden übernahmen einzelne Theologinnen, unter ihnen Pfarrfrauen, Aufgaben, die normalerweise ein Pfarrer ausübte. Dies erschien ihnen wie den Gemeindegliedern schlicht als Gebot der Stunde.

Der zweite Weltkrieg führte zum Mangel an kirchlichen Mitarbeitenden und die bayerische Kirchenleitung konnte auf die Theologinnen nicht mehr verzichten. Einzelne Religionslehrer und Theologen in leitender Funktion hatten bereits seit Längerem auf das ungenutzte Potenzial der weiblichen Arbeitskräfte hingewiesen. so dass Ende 1944 die Evang.-Luth. Kirche in Bayern ihr erstes Vikarinnengesetz verkündete. Ähnlich wie in der Kirche der altpreußischen Union war nun die Mitarbeit von Theologinnen im geistlichen Amt möglich, allerdings unter Ausschluss von Predigt und Sakramentsverwaltung. Im Dezember 1946 wurde Gertraud Schoen als erste der bayerischen Theologinnen im oberfränkischen Münchberg eingesegnet. Mit Inkrafttreten des Vikarinnengesetzes wurde der Theologinnenkonvent zur Standesvertretung. Vertrauensvikarin Liesel Bruckner war nun die offizielle Kontakt-person zwischen dem Konvent und dem Landeskirchenrat.

Als jedoch zu Beginn der 1960er-Jahre die ersten Landeskirchen Pastorinnengesetze verkündeten, wanderten bayerische Theologinnen ab. Denn in Bayern bewegte sich nichts.

 

5.2. Die bayerische Landessynode

Erst 1958 erhielten Frauen das passive Wahlrecht zur Landessynode und die ersten weiblichen Synodalen wurden tätig: Liselotte Nold und Ingeborg Geisendörfer. Liselotte Nold, in leitender Funktion beim Bayerischen Mütterdienst tätig, beantragte 1961 die Einrichtung eines Theologinnenausschusses, an dessen Arbeit einzelne Theologinnen beteiligt wurden. Dieser Ausschuss arbeitete an einer neuen Denkschrift und die Diskussion darüber war sehr wichtig, denn es beteiligten sich Gruppen, die an einer Kirchenreform interessiert waren. So konnten sich die Sprache und die dahinterstehenden Geschlechterkonstruktionen wandeln; so wurde zum Beispiel aus der „theologisch gebildete Frau“ die „Theologin“.
Doch auch die Gegner der Frauenordination fanden Gehör und so entstand die Befürchtung, bestimmte lutherisch-konfessionelle Gruppen könnten sich aus Protest von der Landeskirche trennen.

So beschloss die Landessynode im Jahr 1970 ein neues Theologinnengesetz, das die Sakramentsverwaltung im Dienstbereich für Pfarrvikarinnen mittels einer Beauftragung erlaubte. Bereits 1972 wurde eine Novellierung gefordert, da der Kompromiss keine Seite zufrieden stellen konnte. Doch bis zum Beschluss des „Kirchengesetzes zur Berufung der Theologin zum Dienst des Pfarrers“ im Herbst 1975 waren noch drei Jahre engagierter, synodaler Arbeit nötig.

Vor 1975 war man mit einer rein säkularen Argumentation für die Frauenordination, also mit dem Argument der Gleichberechtigung, vorsichtig und sprach von Gleichbegnadung. Um deutlich zu machen, dass die Entscheidung für die Frauenordination nicht dem Zeitgeist geschuldet war, sondern im ureigenen Interesse der Kirche unter Berufung auf Schrift und Bekenntnis geschah, war es wichtig, theologisch überzeugend zu argumentieren. Doch Gegner der Frauenordination warnten vor einer Spaltung der Kirche und, um das zu verhindern, wurde 1975 der Vetoparagraph eingeführt, um die Zustimmung der Synode zur Frauenordination zu erreichen und eine Spaltung zu verhindern. Demnach musste eine Pfarrstellen- ausschreibung auf Männer beschränkt werden, wenn ein Pfarrer, der in der gleichen Gemeinde tätig war, dies verlangte. 1991 lautete eine Schlagzeile der Süddeutschen Zeitung „Wenn der Pfarrer Platzhirsch bleiben will“. Im Kampf um die Abschaffung dieses Vetoparagraphen, wurde die Forderung deutlich ausgesprochen, die Kirche dürfe Frauen nicht diskriminieren und so setzte sich der Konvent seit Ende der 1980er-Jahre für die Abschaffung des Vetoparagrafen ein. 1995 nahm die ELKB einen Gleichstellungs-artikel in ihre Verfassung auf. 1996 wurde der Veto-Paragraf mit Wirkung vom 1. Januar 1998 abgeschafft. Seit 1989 setzte sich auch der neu geschaffene „Arbeitsbereich Frauen in der Kirche“, die Frauengleichstellungsstelle, für die Abschaffung ein.

Die Frauengleichstellungsstelle der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (fgs) hat die Aufgabe, Gleichberechtigung und tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern einzufordern. In Artikel 11[24] der bayerischen Kirchenverfassung ist festgelegt, die Gleichberechtigung und tatsächliche Gleichstellung von Männern und Frauen zu verwirklichen. Mit der Neubesetzung der Frauengleichstellungsstelle im Jahr 2017 wurde das Aufgabenprofil der Stelle erweitert. Der Landeskirchenrat hat beschlossen, als Nachfolge der fgs eine Arbeitsstelle für Chancengerechtigkeit einzurichten, die verschiedenste Bereiche der Antidiskriminierungs-arbeit verantworten wird – allerdings bei gleicher Ausstattung wie bisher. Wie dies zu bewerten ist, ist durchaus umstritten. Viele Frauen befürchten, dass dadurch die Gleichstellung von Frauen in den Hintergrund tritt, auch wenn grundsätzlich ein erweitertes Bewusstsein für Diversität zu begrüßen ist.

Exkurs: Aktuelle Zahlen zu Frauen auch in kirchenleitenden Ämtern heute[25]:
Die vier leitenden Organe der Evangelischen Kirche in Bayern sind die Landessynode, der Landessynodalausschuss, der Landeskirchenrat sowie der Landesbischof.

Die Landessynode besteht aus insgesamt 108 Mitgliedern, 89 werden direkt aus den Kirchenvorständen gewählt, 36 davon sind Frauen. Dreizehn Mitglieder werden aus der Politik und dem öffentlichen Leben berufen, davon sind nur zwei Frauen. Drei Mitglieder werden von den Theologischen Fakultäten der Universitäten in Erlangen und München sowie der Augustana-Hochschule Neundettelsau ernannt, keines dieser Mitglieder ist zur Zeit weiblich. Der Jugendkonvent der Bayerischen Landeskirche entsendet drei Jungenddelegiert, unter diesen ist eine Frau. Damit ergibt sich ein Gesamtfrauenanteil von 36,1% in der Landessynode.

Im Landessynodalausschuss sind von 15 Mitgliedern sechs Frauen, was einem Frauenanteil von 40% entspricht.

Der Landeskirchenrat besteht aus 14 Mitgliedern, 28,6% davon sind weiblich, also sitzen 4 Frauen in diesem Gremium.

Das Amt des Landesbischofs wird momentan von einem Mann innegehabt.

Jedoch gibt es vier Kirchenkreise in Bayern, die von Regional-bischöfinnen geleitet werden. Diese sind Ansbach-Würzburg, Bayreuth, München und Nürnberg (in Stellenteilung). Der Gesamtanteil der Pfarrerinnen in Bayern liegt zur Zeit bei 37%, was auch in etwa dem Prozentsatz auf Bundesebene entspricht.

Der Frauenanteil der Gremien, die die einzelnen Gemeinden leiten, den Kirchenvorständen, liegt mit 53% deutlich über dem der Landesebene.

Ist damit schon alles erreicht? Mit Sicherheit vieles, vielleicht mehr als in der Landes- und Bundespolitik. Dennoch sollten wir uns darauf nicht ausruhen, denn das Pendel schwingt derzeit eher wieder zurück. Wichtige Fragen bleiben noch offen, so auch die Rolle der Ehrenamtlichen, die zu ganz überwiegendem Teil weiblich sind, aber in der Synode gegenüber den Hauptamtlichen deutlich unter-repräsentiert sind, aber auch die Frage, inwieweit eine wahrhaft geschwisterliche Theologie wirklich bereits angekommen sind. Denn mich stimmt beispielsweis durchaus nachdenklich, wenn beispiels-weise m Lenkungsausschuss, der die Neufassung der revidierten Lutherbibel von 2017 erarbeitet hat keine einzige Frau vertreten war. Und das, obwohl es bereit seit 2006 eine Bibel in gerechter Sprache gibt, die aber nach wie vor nicht im Gottesdienst anerkannt ist.

Es bleibt jedenfalls viel zu tun, und wir freuen uns nun darauf, Ihre Fragen, Ideen und Vorschläge vorzustellen und zu diskutieren. Herzlichen Dank!

Fußnoten:

[1] Das Kapitel „Historischer Rückblick“ basiert, wenn nicht anderweitig angegeben, auf dem Vortrag von „Die Anfänge der Frauenbewegung“: „Eine Stimme haben. 100 Jahre Frauenwahlrecht.“, Daniela Neri-Ulitsch, https://www.hss.de/download/publications/PS_480_BAYERNS_ZUKUNFT_06.pdf, heruntergeladen am 07.11.2018 um 10:24Uhr

 

[2] Quelle : http://olympe-de-gouges.info/, zuletzt aufgerufen am 21.11.2018 um 10:39 Uhr

[3] Quellen: Michaela Karl, Die Geschichte der Frauenbewegung, Reclam 2011, S. 79; Isabel Rohner/Rebecca Beerheide (Hrsg.): 100 Jahre Frauenwahlrecht, U. Helmer Verlag 2017, S. 32

 

[4] Quelle: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/anita-augspurg#actor-content-about, aufgerufen am 21.11.2018 um 11:57 Uhr

[5] Quelle: https://www.frauenbund-bayern.de/service/ellen-ammann-ausstellung/, aufgerufen am 21.11.2018 um 12:37 Uhr

[6] Quelle: https://www.frauenbund-bayern.de/themen-und-projekte/ellen-ammann-preis/, aufgerufen am 21.11.2018 um 12:39 Uhr

[7] https://www.politische-bildung.de/niedersachsen/frauenbewegung.pdf, aufgerufen am 13. November 2018

[8] https://www.politische-bildung.de/niedersachsen/frauenbewegung.pdf, S.33 , ebd.

[9] https://www.politische-bildung.de/niedersachsen/frauenbewegung.pdf, aufgerufen am 13. November 2018

 

[10] Quelle, wenn nicht anders angegeben: Quelle: https://www.frauen-macht-politik.de/fileadmin/Dokumente/Broschuere_Muetter_Grundgesetz.pdf, aufgerufen am 22.11.2018 um 11:11

 

[11] Quelle: entnommen aus https://www.sueddeutsche.de/politik/prantls-blick-waschkorbweise-post-fuer-die-gleichberechtigung-1.4090611, zuletzt aufgerufen am 22.11.2018 um 11:16 Uhr

[12] Quelle, wenn nicht anders angegeben: Quelle: https://www.frauen-macht-politik.de/fileadmin/Dokumente/Broschuere_Muetter_Grundgesetz.pdf, aufgerufen am 22.11.2018 um 11:11

 

 

[13] [13] Das Kapitel „Historischer Rückblick“ basiert, wenn nicht anderweitig angegeben, auf dem Vortrag von „Die Anfänge der Frauenbewegung“: „Eine Stimme haben. 100 Jahre Frauenwahlrecht.“, Daniela Neri-Ulitsch, https://www.hss.de/download/publications/PS_480_BAYERNS_ZUKUNFT_06.pdf, heruntergeladen am 07.11.2018 um 10:24Uhr

 

[14] Quelle: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Bayerischer_Landtag_(nach_1945), zuletzt aufgerufen am 22.11.2018 um 11:42

[15] Quelle: Rede zum 8. März 2017 http://blog.osgyan.de/weltfrauentag-2017-wir-muessen-reden/, zuletzt aufgerufen am 22.111.2018 um 12:08Uhr

[16] Quelle wenn nicht anders angegeben http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/68er-bewegung/51859/frauen-und-68?p=all, zuletzt aufgerufen am 28.11.2018 um 11:36 Uhr

[17] [17] (Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/der-befreiende-tomatenwurf-von-1968-beginn-der-neuen.976.de.html?dram:article_id=427874, aufgerufen am 16.11.2018, um 10:31)

 

[18] Quelle: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/studenten-revolte-kein-ort-ist-so-frauenfeindlich-wie-die-universitaet-1.3950516, zuletzt aufgerufen am 28.11.2018 um 11.43 Uhr

[19] Quelle: http://www.medienwerkstatt-franken.de/startseite/sendungen-detailansicht/news/die-haelfte-des-himmels/, zuletzt aufgerufen am 28.11.2018 um 12:00 Uhr

[20] Aktueller Stand:
Am 26. März 2018 wies der Bayerische Verfassungsgerichtshof (VerfGH Bayern) diese Popularklage mit 151 Antragstellerinnen und Antragsteller ab. Am 3. Mai 2018 legte Frau Prof. Dr. Silke Laskowski Beschwerde gegen die Entscheidung des VerfGH Bayern Beschwerde zum Bundesverfassungsgericht ein.  Eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes über die Beschwerde vom 3.5.2018 gegen die Entscheidung des VerfGH Bayern liegt bisher noch nicht vor.

 

[21] Das Kapitel „Frauen in der evangelisch-lutherischen Kirche“ basiert, wenn nicht anders angegeben auf https://www.bayern-evangelisch.de/epaper/40-jahre-frauenordination/#/14, zuletzt aufgerufen am 12.12.2018 um 11:19Uhr

[22] https://www.bayern-evangelisch.de/epaper/40-jahre-frauenordination/#/14, S.12

[23] LAELKB, Vereine III/30, Nr. 1: Theologische Aufnahmeprüfung 1929.

Verfasser ist Friedrich Loy.

 

[24] Art. 11 Gleichstellung von Frauen und Männern. (1995) (1) Durch die Heilige Taufe sind Frauen und Männer gleichwertige Glieder der Kirche Jesu Christi. (2) In der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern sind deshalb Frauen und Männer gleichberechtigte Kirchenmitglieder.  (3) Zur Verwirklichung der Gleichstellung von Frauen und Männern und zum Ausgleich bestehender Nachteile werden Frauen unter Berücksichtigung des Vorrangs von Eignung, Befähigung und fachlicher Leistung gefördert. (4) Zur Umsetzung dieser Grundsätze sind besondere Bestimmungen zu treffen.

 

7 Leitende Organe der ev. Kirche in Bayern: Landessynode, Landessynodalausschuss, Landesbischof und Landeskirchenrat.

Stand: 31.10.2015 (alle Angaben ohne Gewähr)

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